Mit “Südtirol” getaggte Einträge
Kaum einmal gingen die Meinungen so weit auseinander als bei diesem Thema. Auf der einen Seite gab es die Position, dass Bauherrn und Architekten bei der Gestaltung ihrer Baulichkeiten möglichst wenig von Außen beeinflusst werden dürfen und sollten. Das Recht sich über Bauformen frei auszudrücken, sich dadurch zu realisieren, seinem Individuum und seiner Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, aber auch das Recht, architektonische Experimente zu wagen, dürfen nicht beschnitten werden. Auf der anderen Seite wurde hingegen darauf hingewiesen, dass es beim Bauen in den meisten Fällen um öffentlichen Raum geht, und dessen Gestaltung deshalb sehr wohl auch von einem gewissen Allgemeininteresse ist, wodurch wiederum eine Einflussnahme von Seiten Dritter eine bestimmte Berechtigung hat. Form und Gestalt der Bauten, die sich im Blickfeld aller befinden, prägen nun mal in entscheidendem Maße den öffentlichen Raum, in dem wir uns alle aufhalten und der uns allen irgendwie gehört.
Thomas Mahlknecht hat uns beispielhaft einige architektonisch gelungene und einige weniger gelungene Bauten gezeigt (aus Südtirol aber auch aus anderen Ländern). Dabei ging es in der Diskussion bald einmal um die Frage: Was ist Kitsch und was nicht? Für Thomas hat Kitsch immer etwas mit Verlogenheit und Unechtem (z.B. in den Materialien) zu tun. Kitsch wirkt sehr oft verharmlosend. Echtheit und Authentizität bleiben auf der Strecke. Auch billige Nachahmereien spielen dabei eine Rolle.
Muss aber Nachahmen in jeglicher Hinsicht schlecht sein? Das Abschauen von architektonischen Formgebungen kann durchwegs sehr nützlich sein. Bedeutende und äußerst wertvolle Siedlungslandschaften (Toskana z.B.) sind gerade so entstanden, indem auf möglichst einheitliche Bauformen größten Wert gelegt und ständig zurückgegriffen wurde.
Akzeptanzschwierigkeiten haben ganz allgemein Bauten, die nach Bauformen irgendwelcher fremder Baukulturen errichtet werden, ohne Bezug zur vorhandenen Siedlungstypologie. Andererseits sollte es auch wieder nicht darauf hinauslaufen, dass auf jegliches fremdländisches Element in der Architektur verzichtet werden muss. Besonders problematisch wird es allerdings, wenn es zu einem Vermischen, zu einem Sammelsurium verschiedenster Baustile kommt, vor allem wenn diese dann auch noch ohne schlüssiges Konzept ineinander greifen. Beispiele dafür sind leider in Südtirol zuhauf zu finden, vor allem in der Hotelarchitektur der letzten Jahrzehnte. Hotels mit zahlreichen Bauelementen mittelalterlicher Schlösser (Zinnen, Türme usw.), bei denen aber auch gleichzeitig antike Elemente auftauchen (Säulen sind sehr beliebt) sowie verschiedene Merkmale unserer heimischen bäuerlichen Architektur, sind über das ganze Land verstreut. Mittlerweile scheint aber ein gewisses Umdenken stattzufinden. In der Tourismusbranche selbst stößt diese Schlösschen-Hotelarchitektur zusehends auf weniger Zustimmung. Bei neuen Projekten geschieht es deshalb immer öfter, dass der Bauherr modernen, architektonisch gut durchdachten Bauformen den Vorrang gibt. Die Tourismuswirtschaft in Südtirol bemüht sich heute verstärkt, auch über die Architektur für Südtirol zu werben.
Aber auch die moderne Architektur stößt nicht bei allen auf ungeteilte Zustimmung. Ein klassisches Fallbeispiel moderner Architektur in Südtirol, bei dem sich die Geister scheiden, ist das Naturparkhaus in Villnöss. So sehr es von Seiten gewisser Architektenkreise gepriesen wird, so sehr wird es von anderen Personen kritisiert. Es ist wahrscheinlich der Kontrast den dieser Bau zu den vorherrschenden Bauformen in der unmittelbaren Umgebung darstellt, der viele Betrachter völlig konsterniert. Die Ablehnung dieses Bauwerks in seiner architektonischen Form ist jedenfalls sehr verbreitet in der Bevölkerung. Es ist unbestritten, dass sich der Bau sehr stark – sowohl in der Form als auch in den Baumaterialien – von den umliegenden Bauten abhebt, die einen nicht unwesentlichen Bestandteil einer noch relativ intakt erhaltenen Kulturlandschaft, wie sie für unsere Bergtäler noch vielfach typisch ist, bilden. Dabei gibt es doch auch einige Anlehnungen an die vorherrschende Höfearchitektur. So sind beim Naturparkhaus zwei Gebäude, ähnlich wie bei einem Paarhof, angeordnet. Weiters muss angeführt werden, dass es sich in diesem Fall um ein Gebäude handelt, das einen anderen Zweck zu erfüllen hat, als ein bäuerliches Gebäude. Wenn ein solcher Zweckbau in der für Villnöss üblichen Bauform errichtet worden wäre, würde das wiederum in einem gewissen Kontrast zu seiner Funktion stehen. Für viele Architekten würden wir uns damit in Richtung eines verlogenen Kitschbaus bewegen.
Ganz allgemein werden in der minimalistischen, modernen Architektur kaum oder keine dekorativen Elemente eingesetzt und die Fassaden weisen nur wenige gliedernde Strukturen auf Auch beim Bau in Villnöss ist dies der Fall. Für viele wirken derartige Gebäude als kalt, wenn nicht sogar abweisend. Für mein Dafürhalten allerdings mag es wohl im Bereich des subjektiven ästhetischen Befindens liegen, ob jemand die nüchterne, unverschnörkelte Linie am Bau bevorzugt oder ob er auch gewisse dekorative Zusätze befürwortet und daran Gefallen findet.
De gustibus non est disputandum.
Die Gefahr, dass man bei der Anwendung dekorativer Elemente in das Kitschige abrutscht, ist allerdings um ein Veilfaches größer, als wenn man völlig darauf verzichtet.
Bei einem weiteren Beispiel haben wir uns länger aufgehalten und zwar bei einem Wohnhaus im Ahrntal, das völlig in weiß gehalten ist und sich an den amerikanischen Villen-Baustil anlehnt. Architektonisch also sicherlich keine großartige Leistung. Es handelt sich um ein billiges Plagiat amerikanischen Baustils. Aber es sticht hervor im Dorfbild, zum einen weil es sich von den umliegenden Bauten in der Form relativ stark abhebt und zum anderen vor allem auch wegen dem durchgehenden weißen Anstrich. Auch dieser Bau hat große Diskussionen ausgelöst. Er wurde und wird nach wie vor viel kritisiert, einmal aus den oben genannten Gründen und zum Zweiten weil mit diesen Bauwerk Selbstdarstellung, Machtdemonstration, das Zeigen von Wirtschaftskraft u.Ä. in Verbindung gebracht wird. Eines ist dem Bauherrn sicherlich gelungen, nämlich mit seinem Bau aufzufallen und sich von den Nachbargebäuden klar abzuheben. Nun mag bei dieser Kritik auch eine gewisse Portion Sozialneid mitschwingen, aber die Kritik allein darauf zu reduzieren, würde der Situation ganz und gar nicht gerecht werden. Wenn jemand einen derartigen „Kitschbau“ realisiert, dann geht es ganz sicher nicht vorrangig um die Architektur. Auch bei den vorher beschriebenen romantisierten Hotelbauten geht es nicht um architektonische Ansprüche, sondern viel mehr um Werbeeffekte und wirtschaftliche Vorteile (derjenige der bescheidener und besonnener baut ist im Nachteil).
Individualismus, tun uns lassen zu können, was man will, die völlige Freiheit in der Architektur mögen auch einen gewissen Wert haben. Was dabei aber nicht zum Tragen kommt, das sind die gesellschaftlichen Werte, wir können auf diese Weise keine Kultur begründen, sondern zerstören nur die Landschaft oder sie verliert zumindest an Wert. (Thomas Mahlknecht)
Was macht nun einen qualitätsvollen Bau aus? Thomas unterstrich folgende Eigenschaften: Funktionalität, Ehrlichkeit, gesellschaftlicher Dienst, Ausdruck von gesellschaftlichem Interesse, Nachhaltigkeit (Dauerhaftigkeit, natürliche Baumaterialien, niedriger Energieverbrauch). Über diese Parameter lassen sich die gesellschaftlichen Werte in der Architektur ableiten.
Wie schafft man es aber, dass diese gemeinschaftlichen Werte in der Architektur zum Tragen kommen? Dies scheint in unserer liberalen Welt nicht so einfach zu sein. So lange es um Funktionalität oder auch um verschiedene Nachhaltigkeitsparameter geht, kann man sich noch vorstellen, dass dem gesellschaftlichen Interessen Rechnung getragen wird. Das Festlegen von ästhetischen Kriterien aber lehnen die meisten ab. Im ästhetischen Bereich dürfen Freiheit und Individualismus nicht beschnitten werden. Jedenfalls ist es fast unmöglich eine Instanz auszumachen, der man es zutraut, auf dieser Ebene regulativ zu wirken. Weder Politikern, Baukommissionen, Gestaltungsräten oder Nachbarschaftsbesprechungen würde man diese Aufgabe zutrauen. Die Folge wird sein, dass es eine gemeinsame Architektur in Zukunft wohl nicht mehr geben wird. Einheitliche Siedlungsformen, die ein Gebiet charakterisieren und somit auf gesellschaftlicher Ebene Identität stiftend wirken, werden in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören, mit Ausnahme jener Baukomplexe und -ensemble die wegen Denkmal-, Ensemble- und Landschaftsschutzvorgaben erhaltenen werden müssen. Regionale Besonderheiten in der Baukultur werden immer mehr in den Hintergrund treten, hingegen werden Bauformen, die auf dem gesamten Erdkreis zu finden sind, immer häufiger.
Dies kann bereits am Beispiel der großen Metropolen sehr gut beobachtet werden, wo eine erhebliche Einheitlichkeit bei der Bausubstanz feststellbar ist. Die Skyline der großen Städte ist überall auf der Welt sehr ähnlich. Die architektonischen Unterschiede bei Wolkenkratzern und Hochhäusern fallen in der Regel kaum ins Gewicht. Hier scheinen Individualismus und Gestaltungsfreiheit nicht gerade groß geschrieben zu sein. Das Kapital bestimmt die Bauformen und es fragt nicht, ob sie den Menschen gefallen oder nicht.
De gustibus non est disputandum.
(Diesmal aber aus einem anderen Grund).
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Ein lauer Spätsommer-Abend in Brixen/Südtirol hätte es werden sollen, mit Freunden im Garten, Kerzenschein und einem guten Glas Wein. Die paar Stechmückenattacken hätten die gesellige Runde dann auch nicht weiter gestört, hätte die Gestochene etwas beherzter zugeschlagen und das Insekt während der Saugphase bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht. So aber fiel es einfach auf den Boden, wo es unter neugierigen Blicken ans Licht gefördert wurde. Selbst im schwachen Kerzenschein fielen sofort die weißen Markierungen am Hinterteil auf, eine genauere Untersuchung am Tag darauf unter einem Mikroskop brachte dann die Wahrheit ans Tageslicht:
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| Gesamtansichten und Detailansicht des Kopfes der Asiatischen Tigermücke. |
Alle typischen Kennzeichen stimmen: Die Größe passt, der Stechgrüssel setzt am Kopf an, die Flügel sind ohne auffällige Musterung, das Exemplar ist schwarz-weiß gefärbt, die typische Musterung an Beinen und Kopf ist erkennbar. Es scheint sich also aller Wahrscheinlichkeit um einen Vertreter der Gattung Stegomyia albopicta, früher Aedes albopictus zu handeln, der unter den Namen Asiatische Tigermücke wohl besser bekannt ist.
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| Eine Asiatische Tigermücke zu Beginn ihrer Stechmahlzeit. |
Laut Wikipedia trat der Plagegeist zuerst 1979 in Albanien auf, nachdem er offenbar mit Warenlieferungen aus China eingeführt worden war. In Autoreifen aus Georgia in den USA reiste sie dann nach Italien ein und hat sich inzwischen fast auf dem ganzen italienischen Festland verbreitet. Im Amt für Hygiene der Provinz Bozen hängen zwar Warn-Plakate über die Tigermücke und liegen entsprechende Flyer auf, im Internet ist davon aber nichts zu finden. Man will wohl keine potentiellen Urlauber abschrecken. Schließlich macht es kein allzu gutes Bild, wenn Südtirol als begehrte Urlaubsdestination im In- und Ausland plötzlich mit der Asiatischen Tigermücke konfrontiert wird, die man ansonsten mit der Karibik, Mittelamerika, Australien und Südamerika verbindet.
Aber noch ist das Gefahrenpotential hierzulande klein. Prinzipiell kann das Insekt für den Menschen relevante und teilweise auch nicht zu unterschätzende virelle Krankheiten übertragen, wie das West-Nil-Virus, das Gelbfiebervirus, die St.-Louis-Enzephalitis, des Dengue-Fieber oder das Chikungunya-Fieber. Solange die Mücken aber in geringer Zahl auftreten und entsprechende Krankheitserreger im Bereich der Tigermückenpopulationen nicht zirkulieren, ist keine Ansteckungsgefahr gegeben. Ist die Populationsdichte aber einmal groß genug und bringen heimkehrende Urlauber Viren in die Gebiete mit Mückenbefall, können sich diese epidemieartig ausbreiten. Schließlich benötigen die Viren innerhalb der kaltblütigen Mücken auch ausreichend hohe Temperaturen, um sich signifikant vermehren zu können, aber dafür gibt es ja Potential in Hülle und Fülle.
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Der nächste Freitag-Salon findet am 26. August 2011, um 21.00 Uhr im Hotel Elephant (in der Hausbar im ersten Stock) statt.
Das Thema lautet diesmal: „Architektur – Werte und Kitsch“.
In den vergangenen Jahren ist es in Südtirol gelungen, eine gewisse Diskussion darüber, wie man bauen sollte, in Gang zu bringen. Architektur ist ein Thema geworden. Ob wir unser Land verschandeln oder verschönern und interessanter werden lassen, hängt nicht unwesentlich mit der Architektur zusammen. Fakt ist, dass schlechte und nicht zeitgemäße Architektur sich nachteilhaft auf das Image Südtirols auswirkt.
Die Diskussion hat bereits Einiges bewirkt. Planer, Bauherren und Projektüberprüfer sind sensibler geworden und geben mehr Acht, dass die Bauten architektonisch anspruchsvoller werden. Vieles läuft aber weiterhin nach den alten Schemas ab.
Unser Gast ist der Brixner Architekt Thomas Mahlknecht. Seine Schwerpunkte sind Wohnhäuser Hotelbau und Inneneinrichtungen. Er hat sich im besonderen Maß mit der Architektur im Bereich Tourismus auseinandergesetzt, einem Bereich also, in dem die Architekturdiskussion besonders hohe Wellen schlägt.
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Veröffentlicht von Konrad in Freitagsalon, Tags: Athesia, Demokratie, Direkte Demokratie, Durnwalder, Ebner, Josef Fulterer, Lebensqualität, Südtirol, SVP, System Südtirol
Die Teilnehmer der Diskussionsrunde waren gespannt darauf, zu hören was Josef Fulterer über das System Südtirol berichten wird. Man kennt ihn als kritischen Leserbriefschreiber, aber recht viel mehr wissen die meisten nicht über ihn. Fulterer ist nicht jemand, der das System Südtirol von Außen kritisiert. Er hatte in seinem Leben (mittlerweile ist er 73 Jahre alt) gar nicht so unwichtige Positionen bekleidet (Bürgermeister von Kastelruth, kommissarischer Verwalter der Gemeinde Kastelruth, Mila-Obmann, Obmann der Raiffeisenkasse Kastelruth). Als kritischer Geist tat er sich allerdings nie ganz leicht in diesen verschiedenen Funktionen, er wurde z.T. auch ganz einfach ausgebootet, aber er war immerhin bis noch vor Kurzem Obmann der Raiffeisenkasse Kastelruth.
Er hatte also genug Möglichkeiten das System kennen zu lernen. Obwohl das Funktionieren dieses System oft nicht seinen Einstellungen entsprach, trat er nicht einfach die Flucht aus den Institutionen an. Er versuchte aber dennoch seinen Meinungen und Überzeugungen treu zu bleiben und sie auch nicht hinterm Berg zu halten.
Die wichtigsten seiner Kritikpunkte am System Südtirol sind folgende:
- Die Vorherrschaft einer Partei und immer desselben Personenkreises in einem Land bringt zwangsweise Abnutzungserscheinungen mit sich, Reibungen, die einer guten Verwaltung mit der Zeit immer mehr im Wege stehen.
- Der Kitt für den Zusammenhalt der Volkspartei war bis heute die ethnische Frage und scheint es nach wie vor zu sein. Es gibt allerdings auch zusehends Anzeichen, dass dieser Kitt etwas abbröckelt (eindeutiges Zeichen dafür war der Verlust der absoluten Mehrheit bei den vergangenen Landtagswahlen).
- Um heute die Leute an der Stange zu halten, wird immer mehr auf andere Methoden zurückgegriffen. Die wichtigste davon ist, dass diejenigen, die zum System stehen, reichlich belohnt, während die Aufmüpfigen abgestraft werden. Devotismus und Kriechertum sind immer mehr die Folge. Dieses System funktioniert nur, solange es sehr viel zum Verteilen gibt. In Zukunft könnten von diesem System aber immer weniger profitieren, dann verliert es die Mehrheit.
- Mit kritischen Personen wird ein besonderer Umgang gepflegt; sie werden nicht ungern öffentlich blamiert, wenn das nicht hilft, folgen auch persönliche Attacken, die von einer sachlichen Diskussion völlig abweichen. Wenn solche Personen in irgendwelchen Institutionen oder Ämtern mitwirken, wird alles unternommen, damit ihnen Erfolge verwehrt bleiben: es gibt keinen politischen Rückhalt und auch kein Geld.
- Durnwalder beherrscht die beschriebenen Methoden in Perfektion. Er muss in diesem Sinn als ein ausgesprochener Machtmensch angesehen werden. Zugute halten muss man ihm allerdings die Tatsache, dass er prinzipiell jeden Menschen anhorcht (egal ob dies auch reines politisches Kalkül ist oder nicht). Grundsätzlich ist er seinem Vorgänger und so manchem seiner derzeitigen Politikerkollegen in dieser Hinsicht und allgemein in seiner Offenheit um einiges voraus. Er ist wohl auch der einzige, der es schafft, gegenüber Athesia und Ebner-Klan einen gewissen Gegenpol darzustellen und mitunter auch Entscheidungen trifft, die den Ebners nicht gefallen.
- Magnago seien seine Verdienste für Südtirol nicht abgestritten; seine Angst vor der Italienisierung der deutschen Südtiroler kam dem Land aber nicht nur zugute. Die Distanz, die er gegenüber Trient an den Tag legte, führte zu zahlreichen verpassten Chancen. Auch in der Wirtschaftsförderung (vor allem in der Industrie) war er all zu sehr auf Initiativen aus dem deutschen Ausland ausgerichtet. Einheimische Unternehmen wurden vernachlässigt.
- Wir haben es auf politischer Ebene mit einem äußerst kompakten, wenn nicht geradezu geschlossenen System zu tun. (Dazu kommen noch die engen Verstrickungen mit der Wirtschaft. Durnwalder hat in dieser Hinsicht (aber nicht nur er) ein engmaschiges Netz aufgebaut. Mit den Größen aus der lokalen Wirtschaft pflegt er in der Regel recht gute Beziehungen.) Ein wirkliches politisches Gegenüber fehlt. Politische Ausreißer, die es klarerweise auch in anderen Ländern gibt, können aber in Südtirol genau aus den oben genannten Gründen nur viel schwerer korrigiert werden.
- Eine entscheidende Rolle spielt weiters das Verlagshaus Athesia. Über weite Strecken beherrscht sie die Medienlandschaft in Südtirol und damit auch die Meinungsbildung. Vor allem bei den Wahlen trägt sie nicht unwesentlich zu den Wahlerfolgen der SVP bei. Die Berichterstattung ist vielfach sehr tendenziös auf die Parteipolitik und jener der Ebners zugeschneidert. Sie geben sich nicht nur mit wirtschaftlicher Macht zufrieden, sie mischen auch fleißig in der Parteipolitik mit und streben nach wichtigen und einflussreichen politischen Ämtern.
- Die engen Verstrickungen zwischen der Partei und den einzelnen Wirtschaftsverbänden stellt ein eigenes Kapitel im System Südtirol dar. Die Verbände erhalten ansehnliche Förderbeiträge, damit werden sie abhängig und ruhig gehalten. Oft kommt noch dazu, dass namhafte Vertreter von Wirtschaftsverbänden auch in der Politik mitmischen und z.T dort ranghohe Positionen einnehmen und zwar ohne dass sie ihre Stellung bei ihren Verbänden aufgeben. Dies kann nie und nimmer einer Politik, die in erster Linie dem Allgemeinwohl verbindlich sein sollte, förderlich sein. eine Sonderstellung nimmt in diesem Verbandsreigen der Bauernbund ein. Der Bauernbund ist von der SVP völlig unterwandert. Die Gelder fließen reichlich; so kann sich der Verband Unterorganisationen leisten (wie die Bäuerinnen, die Senioren, die Jugend), ohne von deren Mitgliedern Mitgliedsbeiträge einzubeziehen. Auf die Stimmenanzahl der SVP scheint sich dies sehr positiv auszuwirken. SVP und Bauernbund sind ein Beispiel einer äußerst engen Symbiose, sie ziehen beide daraus erhebliche Vorteile. Wie weit sich dies dann allerdings mit anderen gesellschaftlichen Interessen vereinbaren lässt, ist wieder einmal zweitrangig.
- Für die Arbeitnehmer gäbe es wohl Einiges zu kritisieren an diesem System, was sie schon auch immer wieder versuchen. Die Kritik verschallt allerdings vielfach im Nichts. Die Arbeitnehmer haben keine so straffe Verbandsorganisation, wie die Unternehmer. Ihren wichtigsten Vertretern, wenn sie einmal Regierungspositionen bekleiden, sind scheinbar die Hände gebunden (dort sind sie ja eindeutig in der Minderheit). So geht den Arbeitnehmern ein Großteil ihrer Durchschlagskraft verloren. Ihre Macht ist im Verhältnis zur effektiven Anzahl der Lohnabhängigen viel zu klein.
- Josef Fulterer kritisiert weiters die relativ zahlreichen, größenwahnsinnigen, weil überdimensionalen und deshalb gescheiterten Vorhaben, wie der Landesschlachthof Vives oder die Gemeinschaftsställe im Abteital. Völlig überzogen sieht er Einrichtungen wie den Flughaben in Bozen oder das Fahrsicherheitszentrum in Pfatten. Möglicherweise wird Südtirol noch einmal arg ins Strudeln geraten mit den vielen Strukturen, die große Folgekosten verursachen, die es aber immer schwieriger sein wird abzudecken, sollte einmal das Geld weniger werden.
- Ganz besonders zu kämpfen hatte Fulterer mit der Gastrofresh-Geschichte bei der Milkon. Diese Verkaufsstruktur verursacht zusätzliche Kosten, die schließlich zu niedrigeren Milchauszahlungspreisen für die Bauern führen. Die Prozesse, die aus diesem Grund von Seiten einiger Bauernvertreter gegen die Milkom und Gastrofresh angestrengt wurden, und für diese Vertreter allesamt verloren gingen, haben in Fulterer auch das Vertrauen in die Gerichtsbarkeit arg erschüttert.
Nichtsdestotrotz gibt es für Josef Fulterer auch einige Lichtblicke für eine Weiterentwicklung in unserem Land. Die Chancen für die Zukunft sieht er vor allem in einer besser ausgebildeten Jugend, die sich auch leichter tun müsste, mitzudenken und eingefahrene Abläufe anzuprangern. Die kritische Masse in der Bevölkerung Südtirols müsste endlich die 10-20 % überschreiten; dabei muss sie nicht unbedingt mehr als 50 % ausmachen, um wesentliche politische Neuerungen erwirken zu können.
Äußerst wichtig ist weiters eine möglichst unabhängige Presse.
Keine all zu großen Ergebnisse erwartet er sich hingegen von der direkten Demokratie.
Stephan Lausch (von der Initiative für mehr Demokratie), der auch unter den Teilnehmern der Diskussionsrunde war, musste einräumen dass es nach dem verlorenen Referendum vor zwei Jahren immer schwieriger wird, auf die Regelung der direkten Demokratie einzuwirken. Dabei dürfte man genau diese nicht den maßgebenden Politikern überlassen, denn die haben gezeigt, dass sie für die direkte Mitbestimmung des Volkes nicht sehr viel übrig haben. Ein anderer Hebel, an dem man ansetzen könnte, wäre die Nominierung der Kandidaten für politische Wahlen. Sie sollte nicht allein in den Händen der Parteien liegen, sondern durch die Bevölkerung erfolgen.
Obwohl so mancher mit dem politischen System in Südtirol nicht zufrieden ist, wurde in der Diskussion doch allgemein anerkannt, dass in Punkto Lebensqualität Südtirol sehr gut dasteht. Die vergangenen Jahre waren allerdings auch von wirtschaftlicher Prosperität und einem satten Landeshaushalt geprägt. In Wachstumszeiten fallen eventuelle Fehlentwicklungen nicht so sehr auf. Sollten aber auf die fetten Jahre nun magere folgen, dann erst wird sich herausstellen, ob in Südtirol die richtigen Weichen gestellt wurden.
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Der nächste Freitag-Salon findet am 28. Juli 2011, um 21.00 Uhr im Hotel Elephant (in der Hausbar im ersten Stock) statt.
Nachdem wir beim letzten Freitagsalon uns der Weltpolitik widmeten, kehren wir das nächste Mal wieder tief nach Südtirol zurück. Es geht um das Thema: „Das System Südtirol“.
Wir haben für den Abend einen interessanten Gast eingeladen. Josef Fulterer, heute bekannt wegen seiner Leserbriefe, in denen er nach wie vor in regelmäßigen Zeitabständen seine Meinung zu verschiedenen Ereignissen in unserem Land zum Ausdruck bringt.
Josef Fulterer war aber einst selbst ein gar nicht so kleiner Akteur in diesem Südtiroler System. Er konnte gut beobachten, wie dieses System funktioniert, nach welchen Regeln es abläuft. Er durfte aber auch erleben, was passiert, wenn jemand nicht so ganz genau in dieses System hineinpasst. Fulterer war immerhin für eine gewisse Zeit Bürgermeister bzw. kommissarischer Verwalter der Gemeinde Kastelruth, längere Zeit Obmann der größten Sennereigenossenschaft Südtirols Mila und noch bis vor einigen Jahren Obmann der Raiffeisenkasse Kastelruth.
Er wird uns aus seinem Erfahrungsschatz zum Thema Südtirol erzählen und vielleicht auch den einen oder anderen Hinweis auf die zukünftige Entwicklung unseres Landes geben.
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