Autor-Archiv

In der Einführungsrunde wurde bereits sehr konkret auf verschiedenste Probleme, mit denen die Umweltbewegungen heute konfrontiert sind, hingewiesen; gleichzeitig wurden auch konkrete Wege aus der Krise aufgezeigt:

  • Verpolitisierung der Umweltbewegungen (vor allem durch die Grünen, aber auch andere Parteien haben die Umweltinteressen vereinnahmt, worunter sehr oft die Unabhängigkeit der Umweltbewegung gelitten hat)
  • Heterogenität der Umweltbewegungen, weshalb diese leider nicht immer am gleichen Strang ziehen
  • Nicht selten fallen Schlagwörter, wie Ökodiktatur und Ökoterrorismus, die insgesamt die Ökobewegung nicht gerade in ein gutes Licht rücken (Tendenzen in diese Richtung kann es möglicherweise geben, ausschlaggebend sind sie sicher nicht)
  • Unreflektiertes Leben macht sich immer mehr breit
  • Der Rückhalt der Umweltgruppen in der Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen
  • Das Auftreten wirtschaftlicher Schwierigkeiten lässt Umweltprobleme in den Hintergrund treten
  • Die soziale Komponente wird von Seiten der Umweltverbände zu wenig berücksichtigt
  • Umweltanliegen allein reichen nicht aus; soziale Forderungen und Aspekte des fairen und regionalen Wirtschaftens müssten verstärkt miteinbezogen werden
  • Dabei besteht aber die Gefahr, dass man sich übernimmt, da es schwer sein wird, in all diesen Bereichen gleichzeitig kompetent auftreten zu können
  • Ein ganzheitlicher Ansatz ist ein wichtiges Markenzeichen der Umweltbewegungen, diesem Anspruch müssen sie versuchen, auf welche Weise auch immer, gerecht zu werden

Klauspeter Dissinger widersprach diesen Ausführungen in keinster Weise.

Er gab zu allererst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Umweltbewegung:

Die sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Zeit, in denen die großen, weltumspannenden Umweltverbände gegründet wurden (WWF, Greenpeace, auch der Club of Rom wies in dieser Zeit bereits auf die Grenzen des Wachstums hin, Anti-Atomkraftbewegungen entstanden und es war auch die Zeit, in der die politische Bewegung der Grünen aus der Taufe gehoben wurde).

Trotz dieses Aufblühens des Umweltgedankens traten in der Folge in der westlichen Wirtschaftswelt Politiker auf den Plan (Reagan und Thatcher), die einem äußerst aggressiven Kapitalismus und liberalem Wirtschaftssystem den Weg bereiteten. Dadurch kam die Ökobewegung trotz der nicht unerheblichen Stärke nicht im gebührenden Maße zum Zug.

Auch in Südtirol entstanden verschiedene Umweltgruppen und –verbände. Klauspeter nahm das Beispiel des Umweltbundes in Brixen heraus, der Anfang der neunziger Jahre gegründet wurde und bei dem er viele Jahre mitgewirkt hat. Der Gruppe ist es in den letzten beiden Jahrzehnten gelungen verschiedene Umweltthemen und –initiativen voranzubringen. Es wurde auch immer wieder die politische Arbeit in der Gemeinde auf deren Umweltverträglichkeit überprüft und wenn nötig entsprechend kommentiert.

  • Die Verkehrsproblematik in Brixen nahm in der Arbeit des Umweltbundes einen wichtigen Stellenwert ein: Verkehrsberuhigung der Innenstadt, Entlastung der Staatsstraße, Westumfahrung, Autobahnanschluss im Süden der Stadt, Einhausung der Autobahn, Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes (Einrichten eines Citybus-Systems), Ausbau des Radweg- und Verbesserungen des Gehwegnetzes.
  • Ein weiteres Anliegen war das regionale Wirtschaften; in diesem Zusammenhang wurde auf Initiative des Umweltbundes mit verschiedenen Biobauern ein Biobauernmarkt eingerichtet (der erste in Südtirol übrigens); der Umweltbund hatte dabei verschiedenste organisatorische Aufgaben übernommen.
  • In der Energiefrage bezog der Umweltbund immer wieder Stellung; er setzte sich viele Jahre für die Errichtung eines Fernwärmesystems ein. Ein solches System wurde zwar geschaffen, aber es wird leider mit fossilen Energieträgern betrieben und nicht mit erneuerbaren, wie Biomasse: nur ein Teilerfolg also (in Vahrn wurde allerdings eine Heizzentrale errichtet, die ebenfalls im Brixner Fernwärmesystem eingebunden ist und mit Hackschnitzel befeuert wird).
  • Auch die typische Eisacktaler Kulturlandschaft lag dem Verein am Herzen; es wurden mehrere Initiativen zur Erhaltung der Kastanienhaine gestartet.
  • Schließlich hat sich der Umweltbund schon vor geraumer Zeit für die Öffnung des Hofburggartens ausgesprochen. Er ist im Bauleitplan als öffentliches Grün eingetragen und sollte deshalb auch als solches genutzt werden können.

Nach diesem kurzen Abstecher auf die lokale Ebene ging es wieder mit der Umweltproblematik auf globaler Ebene weiter. Der in den westlichen Wirtschaftsmächten ausgebrochene Turbokapitalismus (wie oben bereits angesprochen) hatte zur Folge, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffte und dies wiederum verdrängte den Umweltgedanken in die zweite Reihe.

Von den etablierten Parteien und den Staatsregierungen wurden verschiedene Inhalte der Umweltbewegungen aufgenommen. Vor allem der technische Umweltschutz wurde erheblich ausgebaut (Kläranlagen, Müllentsorgungsanlagen, Mülltrennung, Luftreinhaltemaßnahmen).

Als ein widersprüchliches Thema gestaltet sich zusehends die Energiefrage. Energieeinsparung wird zwar von allen gutgeheißen, Fakt ist aber, dass trotz der zahlreichen und vielfältigen Bemühungen in diesem Bereich der Gesamtenergieverbrauch weiterhin zunimmt (mit Ausnahme einiger krisenbedingten Schwankungen). Auch bezüglich der Nutzung erneuerbarer Energiequellen gehen die Meinungen weit auseinander. Den Umweltgruppen wird vorgeworfen, dass sie sich früher immer für erneuerbare Energieformen eingesetzt haben und nun bremsen sie. Aber sollen Umweltverbände still sein, wenn sie mit ansehen müssen, wie das letzte Wasserrinnsal für hydroelektrische Zwecke ausgeleitet wird, wie Palmöl tausende von Kilometern transportiert wird, um bei uns in Blockheizkraftwerken verheizt zu werden, wie sensible Natur- und Landschaftsbereiche von Photovoltaikanlagen und Windkraftanlagen verunstaltet werden? Nein dürfen sie natürlich nicht, im Gegenteil, sie haben die Pflicht, auch bei der Nutzung dieser Energieformen darauf hinzuweisen, dass diese in einem umweltverträglichen Rahmen erfolgt.

Laut Klauspeter verbleibt den Umweltverbänden nach wie vor eine äußerst wichtige Kontrollfunktion, sie sind das Umweltgewissen für die Regierenden und Wirtschaftstreibenden. Aber auch der soziale Aspekt soll und muss in Zukunft verstärkt miteinbezogen werden. Sozial- und Umweltverträglichkeit sind eng miteinander verknüpft und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie dies teilweise im Zusammenhang mit den Erhalt von Arbeitsplätzen passiert oder mit dem Konsumentenschutz, wenn es ausschließlich nur mehr um möglichst günstige Preise geht.

Auch in der Diskussion wurde das Thema der erneuerbaren Energiequellen recht widersprüchlich aufgearbeitet. Vor allem in Bezug auf die Windkraft wurde darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine Energieform handelt, die aus energiewirtschaftlicher Sicht wegen dem hohen Wirkungsgrad sehr viele Vorteile aufweist.

Es war schließlich nicht vermeidbar, wie immer bei derartigen Diskussionen, dass man sich auf die Suche nach den Verantwortlichen machte.

Die Politik scheint jedenfalls bei weitem nicht ihren Aufgaben gerecht zu werden, nämlich Leitplanken, Kriterien vorzugeben, damit das ganze System in möglichst umweltverträglicher und nachhaltiger Art und Weise funktioniert. Nicht nur mit einschlägigen Umweltgesetzen, sondern auch über verschiedene andere Maßnahmen wie Besteuerungen (stärkere Besteuerung der Rohstoffe, Einführung der Kostenwahrheit im Transportwesen und nicht nur in diesem Bereich, Herabsetzung der Lohnnebenkosten, Besteuerung der Kapitalerträge, Transfersteuer, stärkere Besteuerung der Vermögen u.ä.) und Förderungen könnten Verbesserungen herbeigeführt werden.

Auch die Wirtschaftstreibenden nutzen vielfach ihre Spielräume nicht aus. Ein Wirtschaften ohne jegliche ethische Grundsätze mit dem einzigen Ziel der Gewinnmaximierung kann nie und nimmer zu einem umweltgerechten System führen. Dafür ist die Wirtschaft einfach zu mächtig. Gesetze und Bestimmungen allein werden nicht ausreichen, wenn nicht auch die Akteure der Wirtschaft selbst gewisse Dinge einsehen. Bei den maßgeblichen Wirtschaftskreisen, für die Wachstum, Wettbewerb und Gewinn das Maß aller Dinge ist, allerdings scheinen Kriterien wie Nachhaltigkeit oder Stärkung der regionalen Wirtschaftskreisläufe nach wie vor keine große Rolle zu spielen. Der Wirtschaft kann insgesamt kein gutes Zeugnis ausgestellt werden, was besonders ins Gewicht fällt, wenn man daran denkt in welcher Weise und in welche Richtung sie mit ihrer immensen Lobbyarbeit die Politik beeinflusst (und zwar maßgeblich). Damit sollen in keiner Weise die Bemühungen von Wirtschaftszweigen, die sich den Kriterien fair, regional, nachhaltig und sozial verschrieben haben, abgewertet werden. Leider fristen aber diese nach wie vor ein eher kümmerliches Randdasein.

Wie weit wird der Bürger und Konsument den Anforderungen eines der Nachhaltigkeit verpflichteten Verhaltens gerecht? Die Antwort kann schon mal vorweggenommen werden: leider versagt auch der Bürger über weite Strecken. Der Anteil von Personen, die sich einem kritischen und umweltverträglichen Konsum verschreiben, ist zu gering, als dass dadurch maßgebliche Einwirkungen auf das wirtschaftspolitische System erzielt werden können. Die Gründe dafür (die wenigstens als solche angeführt werden) sind viele: es kann eh dadurch nichts erreicht werden  oder umweltverträglicher Konsum ist viel zu kompliziert und es fehlen die dafür notwendigen Informationen, Bioprodukte sind zu teuer und schließlich spielt auch die Bequemlichkeit eine nicht unwesentliche Rolle. Es ist deshalb wichtig, dass der Forderung nach mehr Transparenz über die Beschaffenheit und Herkunft der Lebensmittel sowie verschiedenster Konsumartikel verstärkt Rechnung getragen wird, dass durch mehr Kostenwahrheit Preise angeglichen werden, aber es gilt auch einzusehen, dass die Konsumenten durch die Nachfrage sehr wohl bis zu einem gewissen Punkt das Angebot bestimmen, es braucht allerdings eine gewisse Anzahl dafür. Dieses Engagement fehlt leider über weite Strecken. Jedenfalls kann dem Verhalten des Bürgers, heute wie heute, keine große Wirkung in Richtung Nachhaltigkeit zugeschrieben werden. Seiner Verantwortlichkeit wird er ganz sicher nicht gerecht.

Nun, das mag alles ein bisschen pessimistisch klingen. Es gibt aber auch Anzeichen, die in eine andere Richtung weisen. Möglicherweise wird sich in naher Zukunft eine nachhaltigere Wirtschafts- und Lebensweise durch veränderte Umstände von alleine einstellen. Die Tatsache, dass die Ressourcen zusehends verknappen, wird automatisch einen Preisanstieg bewirken und damit auch einen sorgsameren Umgang mit den Rohstoffen. Weiters scheint die Kaufkraft nicht mehr zuzunehmen. Das mag zwar aus einem gewissen Blickwinkel (des Konsumenten) negativ erscheinen, für die Umwelt aber hat dies sicherlich positive Auswirkungen. Das viel beschworene Wirtschaftswachstum wird schon allein aus diesem Grund nicht mehr möglich sein. Damit besteht auch ein Hoffnungsschimmer dem Teufelskreis – Wirtschaftswachstum/Ankurbelung des Ressourcenverbrauchs/Zunahme der Umweltzerstörung – entrinnen zu können. Es besteht allerdings die Gefahr bei einem solchen Szenario, dass ganze Bevölkerungsschichten verarmen, wenn es nicht gleichzeitig gelingt, für mehr sozialen Ausgleich zu sorgen. Dies wird die größte politische Herausforderung der Zukunft sein.

Die Tatsache, dass Umweltschutz oft mit Verzicht in Verbindung gebracht wird, kann ein gewisses Imageproblem mit sich bringen. Dabei handelt es sich allerdings um eine reine Ansichtssache. Für jemanden, der von einem bewussten Konsum überzeugt ist, ist es wahrscheinlich kein Verzicht, wenn er gewisse Produkte sich nicht aneignet. Vom Verzicht sprechen aber natürlich all jene, denen das Produkt wichtiger ist, als jegliche andere Überlegung.

Zum Schluss wurden Klauspeter einige Tipps (auch auf sein Ersuchen hin) für seine Arbeit im Dachverband für Natur- und Umweltschutz mitgegeben:

Umweltbewegungen sollten gegen ihren Nimbus als Neinsager ankämpfen und verstärkt propositiv wirken. Dabei wird eine gewisse Kontrollfunktion ihnen auch weiterhin zukommen. Es ist nun einmal wichtig, dass, wenn es um ökologisch einschneidende Vorhaben geht, sich auch die Stimme des Umweltschutzes erhebt. Gleichzeitig darf die propositive Arbeit nicht in die zweite Reihe gedrängt werden. Im Gegenteil, das Präsentieren von neuen Vorschlägen und Konzepten in den verschiedensten umweltrelevanten Bereichen (Verkehrskonzepte, Müllvermeidung, Biolandwirtschaft, Vermarktung regionaler Produkte, sanfter Tourismus, Energieeinsparung usw.) sollte eine zentrale Position einnehmen.

Nicht vergessen werden darf die gesellschaftliche Komponente: Feste dürfen nicht fehlen, es gilt Erlebnisse zu schaffen und vielleicht würde auch mehr Sexappeal nicht schaden.

Comments Kein Kommentar »

Der nächste Freitag-Salon findet am 27. Jänner 2012, um 21.00 Uhr im Hotel Elephant (in der Hausbar im ersten Stock) statt.

Das Thema lautet: „Perspektiven der Umweltbewegungen“.

Es scheint, dass die Umweltbewegungen seit einiger Zeit an Durchschlagskraft und Unterstützung verloren haben. Die Anzahl der Umweltgruppen und auch deren Mitgliederzahlen sind rückläufig.

  • Sind die alten Umweltprobleme, wie Luftverschmutzung, Saurer Regen, Wasserverschmutzung, Abfallproblematik, all zu intensiver, zerstörerischer Landbau, intensive Massentierhaltungen, Landschaftszerstörung durch Verbauung, Regenwaldabholzung definitiv gelöst?
  • Werden Umweltbewegungen und –verbände langsam überflüssig?
  • Oder trügt der Schein nur?
  • Ist der Grund für die Krise der Umweltbewegungen ein anderer?
  • Vielleicht die Wirtschaftskrise?
  • Welche Rolle wird in Zukunft die Klimaerwärmung spielen oder die Ressourcenverknappung, die engstens mit der Umweltproblematik zusammenhängt?
  • Brauchen wir in Zukunft möglicherweise noch schlagkräftigere Umweltgruppen, um diesen Bedrohungen Herr zu werden und ganz allgemein nachhaltigere und umweltverträglichere Wirtschafts- und Lebensformen durchzusetzen?

Vielleicht kann uns Klauspeter Dissinger, Vorsitzender des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz einige Antworten auf diese Fragen geben.

Comments Kein Kommentar »

Eines hat sich an diesem Abend gezeigt, wir haben uns nicht so leicht getan mit der Definition von Esoterik. Ich denke, dass damit nur die effektive Situation, wie heute mit diesem Begriff umgegangen wird, widergespiegelt wurde.

Ich möchte deshalb noch einmal die Definition laut Wikipedia in Erinnerung rufen:

„Esoterik (von griechisch σωτερικός: esōterikós: „innere“) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist – im Gegensatz zu Exoterik als öffentlichem Wissen. Andere traditionelle Wortbedeutungen beziehen sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik, oder auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen. Daneben wird der Begriff in freier Weise für ein breites Spektrum verschiedenartiger spiritueller und okkulter Lehren und Praktiken gebraucht.“

Die erste Begriffsbestimmung kam in unserem Diskussionsabend nicht zum Zug.

Die zweite Wortbedeutung, bei der es um einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg geht, schon eher. Es fiel auf, dass wenigstens einige der Diskussionsteilnehmer immer wieder versuchten, das Gespräch auf diesen Aspekt zu lenken. Sie wollten auf diese traditionelle Bedeutung des Begriffes hinweisen, die heute immer mehr in den Hintergrund zu geraten scheint. Für sie ist Esoterik das Synonym für Spiritualität, das heißt, es geht um Gottvertrauen, die geistige Verbindung zum Transzendenten, Erkenntnis, Weisheit, Einsicht, Meditation, aber auch Begriffe, wie Mitgefühl, Toleranz, Ehrfurcht und Gleichmut. Im heutigen, wieder stärker werdenden Hang zum Esoterischen sehen sie vor allem diese Komponente, sie sehen den suchenden Menschen, der heute mehr denn je gefordert ist. Althergebrachte Vorstellungen, Überzeugungen, Glaubenssätze und Einsichten geraten nun schon seit geraumer Zeit ins Wanken, moderne, an unsere technisierte Welt gebundene Wertvorstellungen erscheinen für viele keine wahre Alternative darzustellen, weshalb viel von Orientierungslosigkeit, Verlorenheit, Unsicherheiten und Verlust an echten Werten die Rede ist. Es wird auch von einer Zeit der Paradigmenwechsel und des Umbruchs gesprochen. Es ist deshalb mehr als verständlich, dass der Mensch sich wieder verstärkt auf die Suche nach geistigen, inneren Werten begibt und dass somit die Esoterik eine neue Renaissance erlebt.

Viel mehr ging es in der Diskussion beim Freitagsalon aber um die dritte der oben genannten Definitionen, laut der es sich bei Esoterik um einen Sammelbegriff für alle möglichen spirituellen und auch okkulten Lehren und Praktiken geht.

Damit sind wir auch schon an jenem Punkt angelangt, der einen gewissen Disput ausgelöst hat und er steckt im Wörtchen okkult. Okkultismus ist eindeutig negativ besetzt. Wenn also Esoterik mit okkulten Dingen in Verbindung gebracht wird, dann ist die Skepsis ihr gegenüber leicht erklärbar.

Mit Karin Wallnöfer hatten wir eine Expertin für Orientalistik in unsere Runde. Nach ihrem Studium über Chinesologie in Bologna beschäftigte sie sich mit TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und zwar insbesonders mit der chinesischen Ernährungslehre, mit Shiatsu und Qigong. Aber auch über eine Reihe anderer Praktiken wie Reiki, sowie über Begriffe wie Karma, Chakra, Qi usw. weiß sie Bescheid.

All dies wird von vielen unter den Überbegriff Esoterik eingeordnet und nicht immer nur positiv bewertet. Zu Unrecht wie Karin feststellt; sie sieht das Problem der Esoterik eher als „ein großes Missverständnis: die asiatischen Traditionen und Religionen entsprechen meist nur in Umrissen unseren westlichen Projektionen in Richtung “Orient”. Dass es in diesem Zusammenhang auch zu Scharlatanerie kommt ist wahr, aber wo verläuft genau die Grenze? Worauf sie mit weiteren Fragen antwortet: „Wie kann diese Grenze festgelegt werden? Durch die Wissenschaft? Ist die Wissenschaft nicht auch manchmal blind oder einfach nur beschränkt, gefangen in ihrem Paradigma? Wie oft in der Vergangenheit hat sich eine allgemein anerkannte Lehrmeinung schon im Nachhinein als falsch erwiesen?“

Für Karin können die verschiedenen, oben erwähnten Praktiken aus dem asiatischen Raum durchaus auch für uns Europäer interessant sein. Es handelt sich vorwiegend um Techniken und Übungen, Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsformen zur Kultivierung von Körper und Geist. Eingesetzt werden sie in der Gesundheitsvorsorge, in der  Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten, aber auch in der Kampfkunst.

Ein Hindernis stellt allerdings die Tatsache dar, dass wir zum einen nicht in der orientalischen Kultur aufgewachsen sind und zum zweiten, dass es für das Erlernen dieser Techniken viel Zeit braucht, vor allem für uns Europäer, die wir uns erst einmal deren Geist anfreunden müssen.

Wenn nun Wochenendseminare für Reiki u.ä. angeboten werden mit dem Versprechen von Ergebnissen, die in so kurzer Zeit eigentlich nie und nimmer erzielt werden können, so hat dies wenig mit Seriösität zu tun. Es muss alles sehr schnell gehen, unterschiedliche Dinge, die eigentlich auseinander zu halten sind, werden vermischt usw. Karin spricht in diesem Zusammenhang von einem Supermarkt der Esoterik oder auch von Fastfood-Esoterik.

Esoterikkritik ist deshalb durchaus angebracht; dies gilt besonders in jenen Fällen, in denen all zu oberflächlich mit diesen Lehren, Techniken und Praktiken umgegangen wird und die somit vielfach in reinen Konsum ausarten.

Weiters muss auch darauf verwiesen werden, dass nicht alles Esoterische aus dem Orient stammt. Homöopathie, Anthroposophie (Rudolf Steiner), Systemische Familienaufstellungen nach Hellinger, Wünschelrutengehen, Auspendeln u.ä. ordnen auch viele der Esoterik zu.

In der Diskussion hat sich schließlich gezeigt, dass in der Volksmeinung sämtliche geistig-religiöse-mystische Bewegungen sowie gewisse Gesundheits- und Körperertüchtigungspraktiken, Übungen für das seelische Gleichgewicht (insbesonders jene asiatischen Ursprungs) in den Topf der Esoterik geworfen werden. Es geht um Dinge, die vielfach rational nicht fassbar sind oder um Heilmethoden, die mit dem Placeboeffekt arbeiten oder wenigstens teilweise darauf beruhen.

Nun, viele Menschen tendieren allerdings dazu, zu all dem, was für sie nicht rational erklärbar ist, auf Abstand zu gehen. Und daraus resultiert wahrscheinlich zu einem gewissen Teil der negative Beigeschmack, der der Esoterik anhaftet.

Sicherlich gibt es auch ganz klare Missbrauchsgeschichten, sektiererische Bewegungen, die das Ihrige zu diesem Image der Esoterik beigetragen haben.

Es tauchen immer wieder Heilslehren auf, die oft sehr wenig mit Bodeständigkeit und Realitätssinn zu tun haben. Den Menschen, die sich in diesen religiös angehauchten Weltanschauungen verlieren, ist in ihrer Bewältigung des alltäglichen Lebens nicht unbedingt oder höchstens kurzfristig geholfen (solange der Verdrängungsmechanismus funktioniert). Auch gesellschaftspolitisch haben derlei Strömungen eine gewisse Tragweite. Wenn sie zu fatalistischen Haltungen oder in den Fanatismus führen, wirkt sich das aus demokratiepolitischer Sicht ganz sicherlich nicht positiv aus. Es geht beim Betroffenen entweder das Interesse für das Gemeinschaftliche oder umgekehrt das Gefühl für die persönliche Eigenständigkeit verloren. Für die Gesellschaft und letztlich auch für den Einzelnen ist beides in jedem Falle schädlich.

In diesem Sinne erscheint eine gewisse Skepsis gegenüber dem Esoterischen durchaus verständlich.

Andererseits sollte aber nicht übersehen werden, dass es sich vielfach um Techniken und Praktiken handelt, die den Menschen – völlig abseits von irgendwelchen ideologischen, weltanschaulichen oder auch religiösen Vorstellungen – Möglichkeiten bieten, zum dringend notwendigen körperlichen und seelischen Ausgleich zu gelangen.

Auch die Komplementärmedizin mit ihren Methoden gewinnt immer mehr an Anerkennung. In so manchen Fällen, wo die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende war, konnten hingegen alternative Heilmethoden Erfolge aufweisen. Aber auch bei ganz normalen Beschwerden, die ohne weiteres mit Erfolg von der Schulmedizin behandelt werden können, ist nicht immer gesagt, dass dies der richtige Weg ist. Denken wir an die all zu häufige Verwendung von Antibiotika, womit zum einen erhebliche Nebenwirkungen verbunden sein können und zum anderen die Gefahr, das langfristig deren Wirkungs- und Anwendungsmöglichkeiten immer mehr eingeschränkt werden – auch im Falle von Krankheiten, die ohne derartige Medikamente gar nicht heilbar sind.

Und wenn es um Placebowirkungen geht, dann muss dabei doch nicht Schlimmes dran sein. Im Gegenteil: Wer heilt, hat immer Recht; umso mehr, wenn der therapeutische und der medikamentöse Aufwand (und somit auch die Neben- und Nachwirkungen) begrenzt bleiben. Auf welche Weise auch immer man imstande ist, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, ist im Grunde egal, wichtig ist, dass es dazu kommt.

Dass es den Placeboeffekt gibt, kann mittlerweile niemand mehr abstreiten. Die Frage bleibt aber, ob sich nicht auch die Schulmedizin mehr damit auseinandersetzen sollte.

 

Comments 1 Kommentar »

Thema: „Paranoia und Wahn“

Ich, für mich persönlich, kann sagen, dass ich Wahn nun ein bisschen weniger wahnsinnig sehe. Jeden von uns kann es treffen und es gibt ihn in allen Formen.

Das hat uns Edmund Senoner sehr anschaulich und lebendig dargestellt. Ein Prozent der Menschen erkranken mindestens einmal in ihrem Leben an einer Psychose. Heute wird eine solche Krise im Leben eines Menschen auch oft mit einem Nervenzusammenbruch, einer seelischen Krise oder Erschöpfung (verbunden mit Depressionen und Angstattacken) umschrieben. Es handelt sich in jedem Fall um eine Krankheit, die geheilt werden kann, so wie auch andere Krankheiten. Nach einigen Monaten klingen in der Regel die Zustände wieder völlig ab und es bleibt nichts zurück. Sie kann nur einmal auftauchen (bei ca. 20 % der Erkrankten), oder mehrmalig (40 – 50 %) oder auch chronisch sein (20 – 30 %). Bei Frauen manifestiert sie sich im Durchschnitt schon mit 18-23 Jahren, bei den Männern im Schnitt erst im Laufe des dritten Lebensjahrzehnts. Die paranoide Wahnstörung tritt nicht schleichend ein, sondern taucht relativ abrupt auf.

Geradezu beeindruckend war auch die schier unerschöpfliche Anzahl der verschiedenen Formen von Wahn:

  • Verfolgungswahn
  • Beziehungswahn
  • Schädigungswahn
  • Verarmungswahn
  • Schuldwahn
  • Unschuldswahn
  • Krankheitswahn
  • Nichtigkeitswahn
  • Devitalisierungswahn
  • Erfinderwahn
  • Eifersuchtswahn
  • Bedrohungswahn
  • Fremdbeeinflussungswahn
  • Liebeswahn
  • Querulantenwahn
  • Reichtumswahn
  • Untergangswahn
  • Verdammungswahn
  • Religiöser Wahn
  • Esoterischer Wahn

Der Größenwahn scheint eine besondere Stellung einzunehmen. Von diesem werden nämlich noch einmal verschieden Facetten unterschieden:

  • Politischer Wahn
  • Religiöser Wahn (als Heilsauftrag)
  • Wahnhafte Erhöhung der eigenen Person
  • Heilswahn
  • Weltverbesserungs- oder Welterneuerungswahn
  • Omnipotenzwahn

 

Schließlich gibt es auch noch den induzierten Wahn, wenn die Wahnvorstellungen einer Person von deren PartnerIn oder Kinder übernommen werden.

Bei einer Psychose oder einer Wahnerkrankung geht es um einen verstellten Bezug zur Wirklichkeit, um ein verändertes Denken und Wollen. Es wird eine zweite Wirklichkeit wahrgenommen; es geht umd Verrücktsein (ver-rückt in eine andere Welt).

Als Ursachen für eine Wahnerkrankung werden vor allem drei genannt:

  • Genetische Veranlagung
  • Organische Veränderungen (verursacht durch Drogen z.B.)
  • Stressige Lebenssituationen (betrifft bevorzugt Menschen, die Schwierigkeiten bei Problembewältigungen haben; diese tendieren dann auch dazu, sich in eine zweite Welt hineinzubegeben, auch mithilfe von Drogen)

Es gibt Orte oder Talschaften, die eine überdurchschnittliche Häufigkeit an Wahnerkrankungen aufweisen. Dies kann auf besonders traumatische Ereignisse zurückzuführen sein, die sich dort in jüngster Zeit oder auch bereits vor einiger Zeit ergeben haben. In Lüsen wird damit ein Brandereignis in Verbindung gebracht, bei dem das gesamte Dorf zerstört wurde.

Eine paranoide Wahnstörung ist, wie bereits erwähnt, heilbar. Eine medikamentöse Behandlung ist allerdings nicht sehr beliebt, da sie in der Regel mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden ist, wie Zittern, Schwitzen, Speichelbildung, oder starre Bewegungen.

In Bad Bachgard werden paranoide Fälle in der Regel nicht behandelt. Bei paranoiden Wahnerkrankungen ist es wichtig, dass der Betroffene die nötige Ruhe findet, er sollte sich vor allem mit sich beschäftigen, zu sich finden. In Bachgard hingegen ist gerade die Begegnung unter den Menschen sehr wichtig und das könnte im Fall von Paranoia eher kontraproduktiv sein.

In der Regel kann auch gesagt werden, dass mit dem Älterwerden Wahnattacken besser begegnet werden kann. Durch die Lebenserfahrungen nehmen die Lösungskompetenzen und –strategien sowie ganz allgemein die Lebensbewältigungskompetenzen zu.

Was auch nicht vergessen werden darf, ist die Tatsache, dass die Angehörigen in der akuten Phase der Krankheit mitunter stärker gefordert sind als der Betroffene selbst, der möglicherweise in seiner Welt des Wahns lebt und die Außenwelt gar nicht mehr so richtig wahrnimmt.

Wahnerkrankungen nehmen tendenziell zu. Das mag wohl auch damit zu tun haben, dass es heute ein allgemein anerkanntes, vorgegebenes Weltbild nicht mehr gibt und dass eine solide Bodenständigkeit bei den Menschen zunehmend abhanden kommt. Weltuntergangsstimmungen, Verschwörungstheorien, Depressionen verbreiten sich immer mehr, was in Zeiten der Krise, der wirtschaftlichen Unsicherheiten und der allgemein relativ wenig rosigen Zukunftsperspektiven nicht weiter verwunderlich ist.

Edmund kam dann auf die so genannte paranoide Persönlichkeit zu sprechen. Er begann mit den verschiedenen Persönlichkeitsstilen und erwähnte gleichzeitig, in welche Persönlichkeitsstörungen diese jeweils münden können:

  • gewissenhaft >>>>>>>>>>> zwanghaft
  • selbstbewusst >>>>>>>>>> narzisstisch
  • dramatisch >>>>>>>>>>>>> histrionisch
  • vorsichtig >>>>>>>>>>>>>> paranoid
  • sprunghaft >>>>>>>>>>>>> borderline
  • anhänglich >>>>>>>>>>>>> dependent
  • lässig >>>>>>>>>>>>>>>>> passiv-aggressiv
  • exzentrisch >>>>>>>>>>>>> schizotypisch
  • ungesellig >>>>>>>>>>>>>> schizoid
  • abenteuerlich >>>>>>>>>>> antisozial
  • aufopfernd >>>>>>>>>>>>> selbstschädigend
  • aggressiv >>>>>>>>>>>>>> sadistisch
  • sensibel >>>>>>>>>>>>>>> selbtsunsicher

Eine paranoide Persönlichkeitsstörung hängt mit einem vorsichtigen und wachsamen Persönlichkeitsstil zusammen. Edmund hat eine paranoide Person folgendermaßen charakterisiert:

  • wachsam
  • eifersüchtig
  • streitsüchtig
  • beleidigt
  • ständig zu Gegenschlägen bereit
  • wenig humorvoll
  • anklagend
  • misstrauisch
  • pseudoquerulant
  • unnachgiebig
  • rational
  • emotional kalt

Die Diskussion über die ganz normale Paranoia des Durchschnittsmenschen ist allerdings etwas zu kurz gekommen. Aber vielleicht wird lieber über die anderen gesprochen als über sich selbst.

Comments Kein Kommentar »

Der nächste Freitag-Salon findet am 30. Dezember 2011, um 21.00 Uhr im Hotel Elephant (in der Hausbar im ersten Stock) statt.

Das Thema lautet: „Esoterik“.

Esoterik ist in aller Munde. Es gibt eine Vielzahl von esoterischen Richtungen, Zirkeln, Praktiken und die Buchhandlungen sind voll von esoterischer Literatur. Was fällt nun aber genau in den Bereich der Esoterik und was nicht, wo verlaufen die Grenzen? Damit ihr euch schon mal im Vorfeld den einen oder anderen Gedanken zum Thema machen könnt, habe ich die Definition für Esoterik laut Wikipedia herausgesucht:

„Esoterik (von griechisch σωτερικός: esōterikós: „innere“) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist – im Gegensatz zu Exoterik als öffentlichem Wissen. Andere traditionelle Wortbedeutungen beziehen sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik, oder auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen. Daneben wird der Begriff in freier Weise für ein breites Spektrum verschiedenartiger spiritueller und okkulter Lehren und Praktiken gebraucht.“

Karin Wallnöfer (Laurea in storia orientale, Expertin für chinesische Medizin, Shiatsu-Praktikerin) wird uns auf unserer Reise durch die esoterische Welt, die sie recht gut kennt, begleiten.

Comments 2 Kommentare »