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Freitagsalon Brixen Februar 2011: 50x50x50 Kunst Südtirol

50x50x50 ist eine Kunstinitiative der anderen Art. Zwei Künstler, Hartwig Thaler und Reinhold Tappeiner, laden ein zu einer gemeinsamen Kunstausstellung. Dies geschieht nicht alle Tage, dass KünstlerInnen andere KünstlerInnen animieren, miteinander eine derartige Kunstaktion zu starten. Die Welt der Kunst ist sonst eher von einem ausgeprägten Individualismus der Künstlerpersönlichkeiten, wenig Kooperation, Eifersüchteleien und Konkurrenz bis hin zu Feindseligkeiten (bedingt wohl durch einen gewissen Überlebensdruck) gekennzeichnet.

Hartwig Thaler erfüllt sich mit dieser Aktion einen bereits seit langem gehegten Wunsch. Ein gewisses öffentliches Engagement ist ihm wichtig. Damit soll die Präsenz der Kunst in der Öffentlichkeit gesteigert werden. Für Hartwig nimmt die Kunst in unserer Zeit nicht unbedingt den Stellenwert ein, den sie vielleicht einnehmen könnte und sollte. Deshalb ist es für die KünstlerInnen auch besonders schwierig, den ökonomischen Erfolg zu erzielen, den sie brauchen. Die prekäre wirtschaftliche Situation, in der sich viele KünstlerInnen befinden ist nicht sehr förderlich für deren künstlerisches Schaffen.

Nun zu den wichtigsten Merkmalen von 50x50x50 Kunst Südtirol:

  • Die große Kunstausstellung soll in der Festung Franzensfeste stattfinden. Der Ort bietet sich an wegen der zahlreichen und auch relativ großen (60-70 m²) vorhandenen Räumlichkeiten. Die Festung wurde für kriegerische Zwecke errichtet, was nicht gerade für diese Location spricht. Es muss aber auch hinzugefügt werden, dass der Ort diese Zweckbestimmung längst verloren hat. Seitdem die Festung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, diente sie bereits des Öfteren für Ausstellungen und vor allem auch für Kunstprojekte. Der riesige Festungsbau genießt eine gewisse Ausstrahlung und beeindruckt den Besucher. Er wurde aus architektonischer Sicht geradezu mustergültig hergerichtet. Die Restaurierungsarbeiten – geplant von den Architekten Scherer und Dietl – haben bereits Architekturpreise erhalten. Somit eignet sich die Franzensfeste auch für diese Kunstveranstaltung 50x50x50 Kunst Südtirol ausgezeichnet.
  • 50 und mehr KünstlerInnen (aus der bildenden Kunst, wie Malerei, Bildhauerei usw.), die bereits ein gewisses künstlerisches Schaffen aufweisen können, wurden angeschrieben und gefragt, ob sie bei dieser Ausstellung teilnehmen möchten. Bis jetzt haben 37 KünstlerInnen ihre Teilnahme zugesagt. Auch wenn möglicherweise die Anzahl 50 nicht erreicht werden kann, so bleibt man trotzdem beim Namen 50x50x50 Kunst Südtirol, das ja schließlich das Ziel war. Das Projekt ist sprachgruppenübergreifend, es beteiligen sich zwar vorwiegend deutschsprachige, aber es sind auch italienisch- und ladinischsprachige KünstlerInnen dabei.
  • Ein Thema, ein inhaltlicher Titel, wurde ganz bewusst nicht vorgegeben. Die KünstlerInnen und deren Werke sollen im Mittelpunkt stehen. Eine kollektive, „aufgedichtete“ Idee braucht die/der KünstlerIn nicht für ihr/sein Schaffen. Den ausstellenden KünstlerInnen soll eine interessante und attraktive Möglichkeit angeboten werden, sich mitzuteilen und ihre Künstlerpersönlichkeiten einzubringen. Es wird auf die Kraft gebaut, die durch die Summe der KünstlerInnen und deren Werke entsteht. In diesem Sinn wird es auch keine Führer oder Vermittler geben, die durch die Ausstellung führen. Die KünstlerInnen selbst aber werden im Rahmen ihrer Möglichkeiten zugegen sein.
  • Die Unterstützung von Seiten des Trägervereins der Franzensfeste Oppidum (zuständig für Führungen durch die Festung, Aufsicht und Renovierungsarbeiten) ist gegeben. Der Verein gewährleistet eine gewisse Grundaufsicht für die Kunstausstellung. Aber auch die AusstellerInnen selbst werden z.T. die Aufsicht zu übernehmen haben. Für den An- und Abtransport sowie die Versicherung der Kunstwerke müssen sie ebenfalls selbst aufkommen. Auch eine kleine Miete ist zu entrichten (für verschiedene anfallende Spesen, wie Reinigung usw.). Ein Verkauf von Kunstwerken findet während der Ausstellung nicht statt, womit aber nicht unterbunden werden soll, dass auch Kaufinteressierte sich umschauen können.
  • Das Kunstprojekt wird von keinen offiziellen Stellen gefördert; nicht weil dies Programm war, sondern weil es für die angesprochenen Stellen nicht förderungswürdig erschien aus Gründen, wie „das Projekt ist nicht ausgereift“ oder „da dürfen die Künstler ja machen was sie wollen“. Die beiden Promotoren haben sich dadurch nicht entmutigen lassen und versuchen trotzdem mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die Ausstellung auf die Beine zu stellen.
  • Die Ausstellung dauert 50 Tage lang, vom 21. Mai bis zum 9. Juli. Geplant ist auch ein gewisses Rahmenprogramm, soweit es gelingt, Leute dafür zu gewinnen. Die Verantwortung dafür wird allerdings den einzelnen Akteuren dieser Rahmenveranstaltungen überlassen, die gewissen kulturelle Darbietungen anbieten möchten.

Anlass zur Diskussion gab vor allem die Tatsache, dass sich die offiziellen Instanzen so skeptisch diesem Projekt gegenüber gezeigt haben.

Es hat den Anschein, dass der Kunstbetrieb in ganz bestimmten Bahnen verläuft. Die großen Finanzen fließen in die Strukturen, weshalb dort die Fäden zusammenlaufen sollen. Freie Initiativen können dann schon mal auf Skepsis und Ablehnung stoßen. Darin wird auch eine gewisse Tendenz vermutet, Einfluss auf das künstlerische Schaffen auszuüben.

An kritischen Meldungen zu den Einrichtungen im Kunstbetrieb mangelte es nicht. Sie würden sich manchmal selbst als die Produzenten der Kunst sehen; die/der Kunstschaffende und deren/dessen Künstlerpersönlichkeit würden dadurch in den Hintergrund gerückt.

Die Triebfedern für die KünstlerInnen seien nicht so sehr finanzieller Natur (wobei der wirtschaftliche Erfolg nicht außer Acht gelassen werden kann, um als KünstlerIn auch auf dieser Ebene zu Rande zu kommen); im Vordergrund stehen Phantasie, Leidenschaft, Lust sich künstlerisch auszudrücken, Kreativität und Freiheiten, die die Welt der Kunst zu bieten hat.

Von einigen DiskussionsteilnehmerInnen wurde die Tatsache, dass die Teilnahme an der Kunstveranstaltung 50x50x50 Kunst Südtirol nicht allen offen steht, kritisch gesehen. Angeschrieben wurden KünstlerInnen, die sich mit ihrem künstlerischen Schaffen bereits des öfteren der Öffentlichkeit gestellt haben, deren Art zu arbeiten bereits bekannt ist. Hartwig hat sich vor allem an die Künstlerpersönlichkeiten der mittleren Generation (der er selbst angehört) gewandt.

Gedacht wurde dabei auch daran, einen gewissen Qualitätsanspruch für die Ausstellung gewährleisten zu können. Ein Scheitern des Kunstprojektes wegen mangelnder Qualität der ausgestellten Kunstwerke möchte man auf jedem Fall verhindern.

Die Diskussion lief schließlich auf ein weiteres Thema hinaus und zwar allgemein auf die Kunst im öffentlichen Raum. Es scheint, dass sich die Kunst in der heutigen Zeit diesbezüglich eher schwer tut. Sachlichkeit, Nüchternheit, die einfache Linie sind groß geschrieben. Alles Ornamentale ist schon fast verpönt. Man bewegt sich weg von der Gestaltung. Bei Kunstwettbewerben, z.B. für die Kunst am Bau, kann festgestellt werden, dass eher unauffällige Arbeiten Berücksichtigung finden. Auf politischer Ebene zeigt sich eine weit verbreitete Angst vor Kunstinstallationen im öffentlichen Raum. Dies hat wohl damit zu tun, dass derartige Initiativen sehr oft mit großen und sehr kontrovers geführten Diskussionen verbunden sind. Es auf dieser Ebene der Bevölkerung Recht zu machen, scheint äußerst schwierig zu sein.

Weiters wurde darauf hingewiesen werden, dass heute viel an Kreativität und gestalterischem Potential in Bereiche wie Werbung, Graphik und Design fließt. Die Arbeit im Werbesektor ist allerdings viel zweckgebundener als in den eigentlichen Kunstgenres und es können nicht jene Freiheiten genossen werden, die die Kunst im Allgemeinen für sich beansprucht.

Die zeitgenössische Kunst hat heute auch sehr mit dem Nimbus des Elitären und Abstrakten zu kämpfen. Nur selten kommt sie ohne Erklärungen und Vermittlung aus. Großes Interesse und breite Zustimmung sind deshalb nur schwer zu erreichen, müssen aber dennoch nicht von vornherein ausgeschlossen werden.

Anschließend an die Diskussion über das eigentliche Thema, haben wir uns noch kurz über den generellen Ablauf der Diskussionsrunden beim Freitagsalon unterhalten. Nicht alle sind mit dem Ablauf immer zufrieden. An so manchen Abenden passiert es, dass streckenweise der rote Faden im Laufe der Diskussion abhanden kommt und lediglich einzelne Stellungnahmen, die inhaltlich nur wenig miteinender zu tun haben, aneinander gereiht werden. So manche/r TeilnehmerIn wünscht sich, dass gewisse Aspekte eingehender ausdiskutiert werden und eine bessere Dialektik zum tragen kommt. Darunter darf in keinster Weise eine Zensur inhaltlicher Natur verstanden werden. Es geht nicht darum Diskussionsbeiträge auszublenden oder zu unterbinden, sondern lediglich um das Bedürfnis gewisse Positionen und Stellungnahmen etwas tiefer gehend abhandeln zu können.

Ich denke, Hermann Barbieri ist es sehr gut gelungen, eine wesentliche Voraussetzung für eine gelungene Diskussion herauszustreichen, wenn er vor allem auf das Vorhandensein einer größtmöglichen Offenheit hingewiesen hat. Unterstrichen hat er seine Ausführungen mit einem passenden Zitat von Albert Einstein: „Der Geist ist wie ein Fallschirm. Er funktioniert nur, wenn er sich öffnet.“

Ankündigung Freitagsalon Februar 2011: „50x50x50 Kunst Südtirol“

Der nächste Freitag-Salon findet am 25. Februar 2011, um 21.00 Uhr im Erdgeschoss des Restaurants Fink statt.

Bereits im Herbst haben wir mit Marion Piffer über die zeitgenössische Kunst in Südtirol diskutiert. Es ging dabei vorwiegend um den offiziellen Kunstbetrieb. Nun scheint sich aber parallel dazu noch einiges in unserer Kunstwelt zu tun. In der Festung Franzensfeste ist ein Kunstprojekt geplant, das sich „50x50x50 Kunst Südtirol“ nennt und das wir uns für den Freitagsalon im Februar zum Thema machen möchten.

Die Initiatoren dieses Kunstprojektes sind Hartwig Thaler (freischaffender bildender Künstler in Brixen) und Reinhold Tappeiner (Maler und Graphiker in Laas). Sie konnten den Trägerverein Oppidum der Franzensfeste für diese Kunstveranstaltung gewinnen, bei der 50 Künstler, in 50 Räumlichkeiten der Franzensfeste, 50 Tage lang ihre Kunstwerke ausstellen werden. Es handelt sich um ein autonomes Kulturprojekt das von der öffentlichen Hand nicht subventioniert wird. Die Ausstellung wird ohne Kuratoren auf die Beine gestellt.

Hartwig Thaler hat sein Kommen für den 25. Februar bereits zugesagt. Er hat sich nicht nur wegen seiner regen künstlerischen Tätigkeit, sondern auch gerade wegen seinem Engagement in der Kunstszene Südtirols einen Namen gemacht. Sein neues Künstleratelier in der Stadelgasse 4c scheint ihm mächtigen Auftrieb gegeben zu haben.

Freitagsalon Brixen November 2010: Kunst & Kontext

Das Interesse an der zeitgenössischen Kunst, das gleich zu Beginn von Seiten der Anwesenden in den Raum gestellt worden ist, erwies sich als sehr vielschichtig. Angesprochen wurden die Werte in der Kunst, der neue Hang zur Eventkunst, die politische Einflussnahme, die Kriterien bei Ausstellungen moderner Kunst, zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum, die Institution Museion und Einiges mehr.

Marion Piffer skizzierte zuallererst kurz ihren Werdegang:

Sie studierte in Innsbruck und Venedig Kunstgeschichte, konzentrierte sich aber sehr bald auf die zeitgenössische Kunst. In ihrer Doktorarbeit handelte sie das Thema ab, wie zeitgenössische Kunst rezepiert und erlebt werden kann. Nach dem Studium beteiligte sie sich maßgeblich am Aufbau der Museumsgalerie in Bozen und in der Folge leitete sie diese Galerie zwölf Jahre lang. Seit 2000 ist Marion freiberuflich tätig als Ausstellungskuratorin, Lehrbeauftragte und Kunstpublizistin, zuletzt für die Landesausstellung „Labyrinth Freiheit“ in der Festung Franzensfeste 2009. Sie ist auch Mitglied des Kulturbeirates der Autonomen Provinz Bozen sowie des Kulturbeirates der Tiroler Landesregierung Innsbruck. Seit Frühjahr ist eine neue wichtige Herausforderung dazugekommen, die Präsidentschaft der Stiftung Museion – Museum für Moderne und zeitgenössische Kunst Bozen.

Marion Piffer gab einen gerafften Überblick über die Entwicklung in den Bereichen der bildenden Künste in Südtirol seit 1945. Das Museum für zeitgenössische Kunst, das Museion, sieht sie als den Höhepunkt dieser langen Entwicklung.

In der Zeit unmittelbar nach dem II. Weltkrieg war die Situation in Südtirol für die Kunst sehr deprimierend. Es gab allgemein Zukunftsängste, die in Südtirol besonders groß waren, wo man sich als Minderheit einer fremden Staatsmacht ausgeliefert sah. Die Kulturpolitik war geprägt von einer Rhetorik der Erbauung. In den 50er Jahren hatte die Kunst die Funktion dekorativ, aufheiternd und aufmunternd zu wirken. Dies spiegeln die Kunstwerke an öffentlichen Gebäuden klar wider, die in dieser Zeit entstanden sind. Die Südtiroler Idylle wurde beschwört. Atzwangers Weinlese kann als Paradebeispiel künstlerischen Schaffens für diese Zeit angeführt werden.

Einen Meilenstein für die Kunstentwicklung in Südtirol stellt das Fresko von Platter im Landtagsgebäude dar. Der Künstler ist sich selbst treu geblieben und es ist ihm gelungen ein interessantes Werk zu schaffen, nicht nur für die damalige Zeit sondern auch darüber hinaus.

Mit den 60er Jahren kam allgemein ein neuer Schwung in das kulturelle Leben; auch in Südtirol. In diese Zeit fällt die Brixner Rede von Norbert C. Kaser, eine der zentralen Figuren des Widerstands gegen die eindimensionale, konservative und katholische Kulturpolitik in Südtirol. In Meran bildete sich eine Künstlergruppe mit Felin, Ebensberger u.a., die ein künstlerisches Manifest ausarbeitete. Mit diesem Manifest wollte man vor allem auf die vielfältigen Inhalte, Aufgaben und Funktionen der Kunst hinweisen. Kunst sollte nicht nur der Erbauung dienen. Ästhetik aber auch gesellschaftspolitische Themen sollen mehr in den Vordergrund gestellt werden. Hervorzuheben sind weiters die Bemühungen, Kontakte zur Uni Trient sowie zur internationalen Kunstszene aufzubauen. Es war eine Zeit des Aufbruchs, des Zusammenkommens, der Versammlungen. Das soziale Engagement spielte eine große Rolle. Dies mag wohl mit ein Grund sein, warum relativ wenige Werke und Objekte aus dieser Zeit stammen. Plakate, Reden u.ä. gibt es hingegen sehr viele. Es gab in dieser Zeit bereits einige Südtiroler Künstler (Gilbert und George, Pichler, Oberhuber), die im Ausland ihrer Beschäftigung als Künstler nachgingen und einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten. In Südtirol selbst hingegen waren sie kaum bekannt und deren Leistungen wurden nicht wahrgenommen. Es gab auch keine Institution, die diese Künstler repräsentierte.

Diese Zeit, geprägt auf der einen Seite von einer rebellierenden neuen Generation und auf der anderen Seite von einem dagegen haltenden, autoritären, nach wie vor sehr kompakten Block von Konservativen, reichte noch weit in die 70er Jahre hinein. Erst in den 80er Jahren konnte ein nächster wichtiger Schritt vollzogen werden. Mit der Festigung der Südtiroler Autonomie ergab sich auch eine neue Öffnung im kulturellen Bereich und so konnte sich die zeitgenössische Kunst einer zunehmenden Akzeptanz erfreuen. Vor allem Journalisten haben sich dafür eingesetzt. Mit der Einrichtung der Museumsgalerie (1985) gelang dem Künstlerverein, ein erstes Forum für zeitgenössische Kunst zu schaffen. Zwei Jahre drauf, 1987, öffnete dann das Museum für moderne Kunst. Die erste Ausstellung, die in diesem Museum lief, zeigte das Werk von Oberhuber. Damit widmete sich das Haus bereits einer seiner wichtigsten Aufgaben, nämlich Südtiroler Künstler in den Kontext der Internationale zu stellen und deren Leistungen aufzuzeigen. Auf dieser Schiene wollte man von Anfang an Interesse, Leidenschaft und einen Bezug ganz allgemein zur zeitgenössischen Kunst in der Südtiroler Gesellschaft herstellen. Vermittlungsarbeit war und ist nach wie vor ein wichtiger Schwerpunkt dieser Einrichtung.

Somit sind wir im Jetzt angekommen. Das Museion möchte die moderne Kunst den Menschen nicht durch Popularisierung näher bringen, sondern indem es versucht das Programm populär zu machen. Dabei steht das Museion mit 40.000 Besuchern im Jahr nicht so schlecht da. Es kann im internationalen Vergleich mit ähnlichen Häusern mithalten. Allerdings darf auch nicht hintan gehalten werden, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Besucher Touristen sind. Das Ziel muss also sein, die einheimische Bevölkerung noch mehr für die moderne/zeitgenössische Kunst zu gewinnen. Verschiedene Maßnahmen sollen dabei helfen. Über Museion mobil möchte man wieder verstärkt die Schulen erreichen, diskutiert werden auch Familienangebote, Gratiseintritt (wenigstens an gewissen Tagen), Mitgliedschaften usw. Auch die Idee, von den Künstlern Geld zu verlangen, wenn sie im Museion ausstellen, taucht immer wieder auf. Damit würde man aber wohl am Auftrag des Museions vorbeiarbeiten, nämlich den Künstlern ein Forum und nicht so sehr an den Werbeeffekt für den Künstler zu denken.

Gegenstand der Diskussion war dann vor allem, wie weit es Aufgabe der zeitgenössischen Kunst sein soll, Fragen der Gemeinschaft zu verhandeln, Betroffenheit in Bezug auf gesellschaftliche Problemfelder zu erzeugen. Dies alles darf nicht ausgeklammert werden. Mit der Medienwelt zu konkurrieren z.B., wenn es darum geht Betroffenheit zu erzeugen, wird aber von vorneherein eher schwierig sein. Auch kann von der modernen Kunst nicht verlangt werden, dass sie all das, was die Politiker nicht schaffen, zu lösen imstande ist (in der Friedensarbeit, im sozialen Bereich usw.). Man sollte Kunst diesbezüglich ruhig etwas „tiefer hängen“. Gerade in unsicheren Zeiten, wie den heutigen, kann sie aber sicherlich wertvolle Impulse liefern. Moderne Kunst und die Kunst im Algemeinen, darf aber auch nie eine ihrer ureigensten Aufgaben vergessen, nämlich die Beschäftigung mit der Form und die gestalterische Funktion.

Dem Museum soll es vor allem darum gehen, ein offenes Forum zu bilden, Menschen zusammenzubringen und Anbindungsmomente für die hiesige Bevölkerung zu schaffen. Die Frage, ob zeitgenössische Kunst nur in der Metropole ihren Platz finden kann oder auch in der Provinz eine Chance hat, stellt sich heute nicht mehr. Werden einem Künstler Möglichkeiten (Produktions- oder Forschungsanlass) geboten, dann kommt er auch in die Provinz. Sicherlich haben Territorien und deren Künstler jeweils auch eigene künstlerische Sprachen. Schaffen diese aber Werke über etwas, was die Leute bei uns kennen, können neue Dialoge mit interessierten Einheimischen und hiesigen Künstlern entstehen.

Welche Stellung nimmt das Museum im Hinblick auf ähnliche Einrichtungen in den benachbarten Ländern ein? Das Ferdinandeum in Innsbruck, das Mart in Rovereto und das Museion in Bozen stehen nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Das Mart z.B. hat einen ganz klaren Schwerpunkt, nämlich die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Museion hingegen konzentriert sich voll auf die zeitgenössische Kunst.

Eine längere Diskussion gab es schließlich darüber, welchen Platz zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum einnehmen kann. In Brixen gibt es die Rathausgalerie. Soll die Kunst auf die Räumlichkeiten der Galerie beschränkt bleiben oder kann sie auch einmal einen Teil des Domplatzes (der Bereich des Blumenbeetes liegt unmittelbar davor) mit einbeziehen? Der Hofburggarten soll für die Öffentlichkeit geöffnet und neu gestaltet werden. Auch dort könnte moderne Kunst ihren Platz finden. Das Siegesdenkmal oder auch das Fries beim Gericht sind vielen ein Dorn im Auge. Vielleicht wäre eine Installation mit zeitgenössischer Kunst möglich, die diesen Denkmälern eine andere, neue Bedeutung verleiht und somit zur Verständigung zwischen den Sprachgruppen beiträgt. Die Liste der Möglichkeiten ließe sich noch lange fortsetzten. Mit derartigen Aktionen könnten nicht nur gestalterische Akzente im öffentlichen Raum gesetzt und gesellschaftliche Themen angeschnitten werden, es wäre vor allem auch eine Möglichkeit, die zeitgenössische Kunst der Bevölkerung näher zu bringen. Institutionen, wie das Museion, könnten dabei als „Brandstifter“ fungieren.

Ankündigung Freitagsalon November 2010: „Kunst und Kontext“

Der nächste Freitag-Salon findet am 26. November 2010, um 21.00 Uhr im Hotel Elephant (in der Hausbar im ersten Stock) statt.

Das Thema Kunst und Kontext ist angesagt. Marion Piffer, die Präsidentin der Stiftung Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen, hat ihr Kommen für das Novembertreffen zugesagt. Piffer ist keine Neue in der Welt der modernen Kunst. Über Jahre war sie die Leiterin der Museumsgalerie in Bozen. Letzthin arbeitete sie als freiberufliche Ausstellungskuratorin, als Lehrbeauftragte und Kunstpublizistin.

Nach der Froschgeschichte, die in aller Munde war, haben sich die Wogen um das Museum für moderne Kunst wieder geglättet. In der Zwischenzeit wurden auch der Stiftungsrat und die Direktion neu bestellt. Es hat den Anschein, dass das Geschehen in diesem Haus nunmehr zu einem normalen Ablauf gefunden hat.

Ich denke und ich hoffe, dass dieses Haus der Kunst auch in Zukunft mit zeitkritischen und gesellschaftspolitisch brisanten Werken aufhorchen lässt und tiefgreifende Diskussionen auslösen wird, wenn auch vielleicht nicht unbedingt in derselben Form, wie im Zusammenhang mit Kippenbergers gekreuzigtem Frosch. Kann das Museion diesem Anspruch gerecht werden? Wie weit kann es mithalten mit anderen Häusern in größeren Städten oder auch mit dem Mart in Rovereto? Welche Wirkung hat diese Einrichtung auf die Südtiroler Künstler? Werden sie dadurch eine Förderung erfahren? Gelingt es durch das Museion, die zeitgenössische Kunst der Südtiroler Bevölkerung näher zu bringen?

Über all das und so manches mehr werden wir Ende November diskutieren.

Wer daran teilnehmen möchte, kann sich an Konrad Stockner wenden.