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Freitagsalon Brixen Dezember 2012: Astrologie vs. Astronomie vs. Astrologie

Die Kombination mit einem Abendessen und insgesamt der festliche Charakter hat das Dezembertreffen des Freitagsalon geprägt. Wir haben es allerdings auch in diesem Kontext geschafft – zwar etwas zeitlich verschoben – unsere übliche zweistündige Diskussion durchzuführen. Es war ein sehr lebendiges Gespräch mit sehr viel Bereitschaft von Seiten der Teilnehmer, sich einzubringen und mitzudiskutieren. Die festliche Stimmung hat wohl das Ihrige dazu beigetragen.

Auch die Tatsache, dass mehr als 30 Personen beim Treffen anwesend waren, hat den Ablauf des Diskussionsabends mitbestimmt. Für die Moderation war es kein leichtes Unterfangen eine Diskussion mit derart vielen Personen zu führen. Aber es kann gesagt werden, dass es gelang, einen Rahmen zu finden, ohne dass dabei der Diskussionsdrang der Teilnehmer all zu sehr eingeschränkt wurde.

Hansjörg Thaler hat kurz in die Thematik Astrologie/Astronomie eingeführt.

Er ging zuallererst auf die unterschiedlichen Wortgebilde ein, die den beiden Begriffen zugrunde liegen. Sie stammen beide aus dem Griechischen: astron bedeutet Stern und logos Lehre; mit Astrologie ist die Lehre der Deutung von astronomischen Ereignissen gemeint; nomos hingegen bedeutet Gesetzt; Astronomie ist die Wissenschaft von den Gestirnen.

Die Astronomie als Wissenschaft, so wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit einigen Jahrhunderten. Hansjörg ortet einige ihrer Wurzeln sogar in Brixen. Nikolaus Cusanus (1401 – 1464) – Bischof von Brixen – beschäftigte sich mit Sternenkunde und zwar über den Rahmen der Sternendeutung hinausgehend. Er war einer der ersten, der nicht die Erde in den Mittelpunkt rückte, also nicht von einem geozentrischen System ausging (er kannte aber auch das heliozentrische System noch nicht, für ihn gab es keinen Mittelpunkt der Welt).

Bleiben wir noch vorerst bei der Astrologie. Sie kann als ein Versuch und Bemühen verstanden werden, mithilfe der Sterne die Persönlichkeitsstrukturen von Menschen oder auch deren Zukunft und Schicksal zu deuten. Diese Methodik wird bereits seit Jahrtausenden praktiziert. Allerdings konnten es sich früher nur die Reichsten leisten, Astrologen in Anspruch zu nehmen. Dies war auch noch lange so, als die Astronomie sich bereits als Wissenschaft immer mehr durchsetzte. Die ersten Astronomen, die als solche bezeichnet werden konnten, arbeiteten als Astrologen, d.h. sie verdienten ihr Brot mit dem Erstellen von Horoskopen, vor allem für die reiche Führungsschicht. Königshäuser waren dafür besonders empfänglich; gewissen Vertretern des Habsburgerhauses z.B. wird nachgesagt, dass sie, ohne vorher den Astrologen zu befragen, überhaupt keine wichtigen Entscheidungen trafen. Kopernikus, Kepler, Galilei lebten von der Astrologie und betrieben die Astronomie nur als Hobby.

Den eigentlichen Durchbruch für die breite Masse feierte die Astrologie schließlich mit der Veröffentlichung von Horoskopen in der Presse. Dies geschah zum ersten Mal in England am 24.08.1930, als ein ausführliches Geburtshoroskop über die neugeborene Prinzessin Margareth im Sunday Express erschien. Mittlerweile sind fast in allen Zeitungen und Medien Horoskope zu finden und es gibt sie in den verschiedensten Varianten: Geburtshoroskope, Jahres-, Tages- und Stundenhoroskope, Partnerschaftshoroskope usw.

Hansjörg skizzierte weiters in knapper Reihenfolge die wichtigsten Etappen und Meilensteine der Geschichte der Astronomie und der Astrologie.

  • Hochkulturen im Nahen Osten

In den alten Hochkulturen am Nil sowie im Zweistromland an Euphrat und Tigris wurden schon sehr früh astrologische Systeme entwickelt. Sie gelten als die Wiege der Astrologie. Welche der beiden Kulturen aber die Vorreiterrolle innehatte, darüber rätselt man nach wie vor. In beiden Hochkulturen war man auf Gedeih und Verderb einem Flusssystem ausgesetzt. Vom Fluss hängte es ab, ob das Jahr reiche Erträge einbrachte oder ob es zu Missernten kam. Vorhersagen über das Abflussregime des Flusses hatten deshalb, ähnlich wie die Wetterprognosen, Hochkonjunktur. Es gab auch schon sehr früh Tierkreiszeichen, denen ganz bestimmte Bedeutungen zugeschrieben wurden und die bereits gewisse Ähnlichkeiten mit jenen unseres heutigen Zodiacus hatten. Ein weiteres wichtiges Merkmal war die enge Verknüpfung der Astrologie mit der Religion.

  • Perser – Griechen – Römer

Die Perser fielen immer wieder in Mesopotamien, aber auch in Ägypten ein. Später weiteten die Griechen ihren Machteinfluss weit nach Asien aus (Alexander der Große). So gelangte die in Mesopotamien und Ägypten entwickelte Astrologie einerseits nach Persien und von dort nach Indien und andererseits nach Griechenland. Die Römer übernahmen sie von den Griechen und so verbreitete sie sich schließlich über weite Teile Europas. Die hellenistische Astrologie stellt einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Astrologie dar.

Claudius Ptolemäus (ägyptischer Astronom, Astrologe und Geograph im zweiten Jahrhundert nach Christus, der in Alexandria in Ägypten wirkte) verfeinerte und festigte das geozentrische Weltbild und verdrängte alle Ansätze eines heliozentrischen Weltbildes, das erst wieder 1300 Jahre später von Kopernikus, Kepler und Galilei aufgegriffen wurde und sich schließlich durchsetzte.

  • China und Indien

Auch in China hat die Astrologie eine sehr lange Tradition und Geschichte. Es gibt einen 28-teiligen Mondkalender und einen zwölfgeteilten Tierkreis. In der indischen Astrologie finden sich viele babylonische und hellenistische Elemente. Sie ist aber eng mit der hinduistischen Religion verwoben, weshalb sie uns dennoch fremd erscheint. Ein interessantes Merkmal der indischen Astrologie ist, dass sie vom real sichtbaren Sternenhimmel ausgeht (d.h. es wird die Verschiebung der Polarachse berücksichtigt), was in der heutigen westlichen Astrologie nicht der Fall ist.

  • Maya

Auch auf der anderen Seite des Ozeans gab es Hochkulturen. Die Maya verfügten über eine hoch entwickelte Astrologie und Astronomie. Die Unterschiede zu Europa aber waren erheblich. Sie hatten sowohl einen Sonnen- als auch einen Mondkalender, auf denen die Astrologie basierte, und nicht etwa auf einem Tierkreis. Ihre Astrologie war nicht so sehr vom Determinismus geprägt, im Gegenteil sie ließ dem freien Willen sehr viel Raum. Interessant bei den Maya ist weiters die Tatsache, dass sie das Pferd und auch das Rad nicht kannten.

  • Kopernikus, Galilei, Kepler

– Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543), Administrator, Arzt, Mathematiker und Astronom in Preußen; er beschrieb das heliozentrische Weltbild, gemäß dem sich die Erde um die eigene Achse dreht und gleichzeitig sich um die Sonne ähnlich der anderen Planeten bewegt.

– Johannes Kepler (1571 – 1630), Astronom und Mathematiker in Graz, Prag und Linz; er entdeckte die Gesetze der Planetenbewegungen und trat für ein heliozentrischen Weltbild ein.

– Galileo Galilei (1564 – 1642), Philosoph, Mathematiker und Astronom in Pisa und Florenz; er beobachtete als erster mittels eines Fernrohres die Sterne und machte verschiedene astronomische Entdeckungen (Monde des Jupiters, Phasen der Venus, Supernovae, Oberfläche des Mondes, Sonnenflecken, Sterne der Milchstraße); das Fernrohr erfand allerdings nicht Galilei, sondern war das Verdienst Keplers; Galilei war ebenfalls ein Verfechter des kopernikanischen, heliozentrischen Weltbildes, das ihm einen Prozess von Seiten der katholischen Kirche einbrachte.

Im Folgenden die wesentlichen Elemente eines Horoskops, von dem die astrologischen Aussagen abgeleitet werden:

12 Tierkreiszeichen (auch Sternzeichen genannt)

12 Aszendenten

12 Häuser

Die Deutungen werden davon abgeleitet, in welchem Tierkreiszeichen die Sonne steht, weiters von den Positionen der Himmelskörper untereinander sowie von den Stellungen in den Häusern.

Hansjörg führte weiter aus, dass das Weltbild, auf das die westliche Astrologie aufbaut, das von Ptolemäus, d.h. ein geozentrisches ist, dessen Mittelpunkt die Erde ist. Sie geht also von astronomischen Vorstellungen aus, die mittlerweile als völlig überholt gelten. Damit aber noch nicht genug, auch die Verschiebung der Erdachse wird in der westlichen Astrologie nicht berücksichtigt, d.h. die Sterndeutung bezieht sich nicht auf den effektiv zu beobachtenden Sternenhimmel.

In der Diskussion stießen vor allem zwei Positionen aufeinander:

  • Es gab die Fraktion, die von der Astrologie überhaupt nichts hält und darin nur reine Scharlatanerie sieht, ja, sie sogar als schädlich betrachtet, da damit manipuliert und Macht ausgeübt wird.
  • Und es gab andere, die in der Astrologie eine interessante Art und Weise sehen, Charaktere von Menschen zu deuten oder ihnen bei wichtigen Entscheidungen zu helfen, darin aber keine negative Beeinflussung erkennen. Schließlich muss man ja davon ausgehen, dass ein großer Teil der Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, Bauchentscheidungen sind. Sie sehen die Astrologie als eine Hilfe bei wichtigen Entscheidungen und stellen nicht Abhängigkeiten in den Vordergrund. Die Astrologie soll eine Möglichkeit der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Entscheidungskomponenten darstellen. Unterstrichen wurde in diesem Zusammenhang auch die psychologische Komponente, die vor allem in der westlichen Astrologie eine wichtige Rolle spielt.

Wissenschaftlich belegt ist der Großteil der astrologischen Deutungen nicht. Allerdings sind gewisse Einflüsse, z.B. der Einfluss des Mondes oder auch anderer Gestirne auf das Pflanzenwachstum oder im Zusammenhang mit dem besten Zeitpunkt für die Schlägerung des Holzes, sehr wohl feststellbar.

Dass in der Vergangenheit versucht wurde, Deutungen des Schicksals des Menschen bzw. der Menschheit zu suchen und zu finden und diese mit etwas Überirdischem zu verbinden, ist sehr gut nachvollziehbar. Für viele Dinge, Abläufe und Phänomene gab es keine wissenschaftlichen Erklärungen. Aber auch heute kann die Wissenschaft noch auf viele Fragen keine Antwort geben. Die Versuchung deshalb von Seiten des Menschen, sich die Antworten anderweitig zu beschaffen, war und ist nach wie vor groß. Dabei spielt auch der Wunsch des Menschen eine Rolle, sich mit etwas zu verbinden, das größer ist als er selbst.

Leider sind wir bei diesem Punkt stehen geblieben. Wir haben es nicht mehr geschafft einen Blick in die Zukunft zu werfen oder uns mit den Entwicklungen auseinanderzusetzen, die sich heute abzeichnen. Im Thema Astrologie vs. Astronomie vs. Astrologie war nämlich neben der Abgrenzung zwischen Astrologie und Astronomie sowie deren jeweiligen Gewichtung in der Vergangenheit und Gegenwart noch eine weitere Fragestellung verborgen. In früheren Zeiten stand die Astrologie im Mittelpunkt, später rückte die Astronomie in den Vordergrund. Beobachtet man die Entwicklungen in unserer Gesellschaft, stellt sich die Frage, ob in Zukunft die Astrologie, Weissagungen, Prophezeiungen oder sogar okkultistische Strömungen wieder an Bedeutung gewinnen werden.

Dabei erscheint mir allerdings, dass Astrologie und Astronomie an und für sich nicht in Konkurrenz zueinander stehen oder miteinander verknüpft sind. Es handelt sich um Bereiche, die mittlerweile (früher war es einmal anders) nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Sie beschäftigen sich zwar beide mit den Sternen, aber auf völlig unterschiedlichen Ebenen.

Zurück zur oben gestellten Frage: ich glaube, dass sie noch einmal ein Thema für den Freitagsalon abgeben kann.

Freitagsalon Brixen Dezember 2010: Zeit

Es waren noch nie so viele Personen bei einem Freitagsalon. Wir wussten bereits im Vorfeld, dass dreißig und mehr Teilnehmer mit von der Partie sein werden. Wir haben das Experiment gewagt wissend, dass bei einer so großen Runde eine tiefgehende Diskussion nicht leicht zu realisieren sein wird. Die Tiefe hat dann wohl auch gefehlt. Es sind dafür sehr viele und sehr persönliche Inputs zum Thema Zeit eingebracht worden. Dies bestätigt jedenfalls, dass sich der heutige Mensch sehr stark mit dem Thema Zeit beschäftigt. Viele haben ihre eigenen Vorstellungen und Probleme im Umgang mit der Zeit zum Ausdruck gebracht, sowohl in ihrer persönlichen als auch gesellschaftlichen Dimension. Der Abend hat gezeigt, dass das Thema noch einmal aufgegriffen werden könnte; das Interesse scheint jedenfalls vorhanden zu sein.

Am vergangenen 31. Dezember schien das Feiern im Vordergrund zu stehen, was für einen Silvesterabend absolut in Ordnung geht. Das Feiern kam dann auch nicht zu kurz und so manche/r verweilte bis in die Morgenstunden im Haus an den Rappanlagen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Monika bedanken, dass sie ihr Haus für das Silvesterfest des Freitagsalons zur Verfügung gestellt hat. Ein Dank auch an alle anderen, die zum Gelingen des Festes beigetragen haben.

Hansjörg Thaler hat sich als Archäologe viel mit Chronologie, den unterschiedlichen Kalendertypen und Zeitmessungen verschiedener geschichtlicher Epochen beschäftigt. Er hat uns darüber einen kurzen Überblick gegeben.

Ein interessanter Unterschied sei vorweggenommen: Es gibt solche Kulturen, in denen der Kalender zyklisch ist, d.h. nach einer gewissen Zeitperiode beginnt die Zeitrechnung wieder bei eins; in anderen Kulturen hingegen ist die Zeitrechnung linear, sie beginnt im Jahre eins (das meistens mit einem ganz bestimmten, für die jeweilige Kultur sehr wichtigen Ereignis zusammenhängt) und wird dann laufend fortgeschrieben.

  • In den Hochkulturen des alten Ägyptens gab es einen zyklischen Kalender, der alle 1460 Jahre zum Ausgangspunkt zurückkehrte; Jahresbeginn ist der 1. September und fällt in etwa mit den jährlichen Nilüberflutungen zusammen.
  • Der chinesische Kalender weist Zyklen von 60 Jahren auf. Es handelt sich um einen der ältesten Kalender. Der Beginn der chinesischen Zeitrechnung ist aber unbekannt. 60 Jahre entsprachen im alten China dem Zeitraum von drei Generationen (Kaisergenerationen).
  • Im antiken Griechenland erfolgte die Zeitrechnung nach den Olympiaden. Sie erfolgte ab dem Jahre 776 v. Chr., in dem die erste Olympiade stattfand. Im Jahre Christi Geburt gab es laut der Berechnung von Dyonisus Exiguus die 195. Olympiade.
  • Die Römer führten unter Julius Cäsar den so genannten julianischen Kalender ein. Bei den orthodoxen Christen ist er immer noch im Gebrauch, weshalb gewisse Feiertage 13 Tage später als bei uns anfallen (Weinachten fiel heuer auf den 6. Jänner).
  • Die jüdische Weltära beginnt mit dem 1. September 3760 v. Chr.; zur Zeit befinden wir uns im Jahre 5769.
  • Der Beginn der islamischen Zeitrechnung fällt mit der Hadschra zusammen, der Flucht Mohameds von Mekka nach Medina, 622 n. Chr.; heute befinden wir uns im Jahre 1378 nach der Hadschra.
  • Der Mayakalender ist wiederum zyklisch und sieht sehr lange Zeitperioden vor. Eine Maya-Era besteht aus 5125 Jahren. Das Initialdatum des gegenwärtigen fünften Zeitalters ist der 13. August 3114 v. Chr. und es endet am 21. oder 23. Dezember 2012 n. Chr.
  • Heute gilt weltweit der so genannte gregorianische Kalender. Er wurde von Papst Gregor XIII im Jahre 1582 eingeführt. Nach diesem Kalender dauert das Jahr 365,2425 und nicht nur 365,2. Tage, wie dies beim julianischen Kalender der Fall ist. Der Kalender sollte deshalb um 12,7 Tage korrigiert werden. Im Oktober 1582 wurde zwar eine Korrektur vorgenommen, aber lediglich um 10 Tage.

All diese verschiedenen Kalender und Zeitrechnungen bestätigen vor allem eines, das der Mensch immer schon ein Bedürfnis verspürte, die Zeit zu messen und sich nach der Zeit zu orientieren. Die Zeit stellt für den Menschen bereits seit Jahrtausenden ein wichtiges Hilfsmittel dar bei der Organisation der täglichen und jahreszeitlichen Arbeiten und Aufgaben.

Eines der Schwerpunkte in der Diskussion war die Frage danach, welche Rolle die Zeit in der heutigen Gesellschaft spielt, wie Zeit wahrgenommen wird und wie die moderne Zeitorganisation ausschaut.

Der Mensch ist heute weniger einem gesellschaftlich vorgebenen Zeitplan unterworfen, wie das in den vergangenen Jahrhunderten noch der Fall war. Der Tagesablauf war früher in ganz bestimmte Schichten eingeteilt, dabei richtete sich der Mensch nach dem Läuten der Turmglocke (Betläuten). Der Sonntag war immer der Tag der Ruhe, an dem nicht gearbeitet werden durfte. Der Jahresablauf war weiters gekennzeichnet von genau festgelegten Festtagen usw. Ähnlich verhielt es sich auch in anderen Kulturen, deren Zeiteinteilungen vielfach noch bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind.

Nun, bei uns sind die alten Rhythmen gefallen. Die Folgen wurden von den Diskussionsteilnehmern aber sehr unterschiedlich eingeschätzt. Einerseits verfügt der Mensch heute in der Regel über mehr Autonomie in seiner Zeiteinteilung, was unbestritten einen gewissen Vorteil darstellt. In Bezug auf die Zeiteinteilung gibt es nun mal individuelle Bedürfnisse; es gibt so genannte Lerchentypen, die mehr tagaktiv sind und so genannte Eulentypen, die am Abend nicht ins Bett zu kriegen sind. Ein enges, allgemein gültiges Zeitkorsett kann diesen Unterschieden nicht Rechnung tragen.

Dennoch sind wir heute oft einem größeren Zeitdruck ausgesetzt als dies früher der Fall war, wir stehen vielfach in einem regelrechten Kampf mit der Zeit. Von Dauerstress ist die Rede, weshalb wir uns auf die Suche nach neuen Techniken begeben, wie man sich aus diesem Teufelskreis ausklinken kann, wie man wieder zur Muse und auch zum Müßiggang finden kann. Obwohl wir heute über mehr freie Zeit verfügen (den Begriff Freizeit hat es früher gar nicht gegeben), hat so was wie Muße kaum mehr einen Platz. Dies kann nur damit erklärt werden, dass wir uns (und zwar wohl gemerkt freiwillig) einem gehörigen Konsumzwang ausliefern, dass wir das Konkurrenzdenken unserer Leistungsgesellschaft auch in unsere Freizeit hineintragen (der eine will den anderen in seinen Sport- und Freizeitaktivitäten übertrumpfen) und dass wir heute nicht mehr lernen mit Langeweile umzugehen (der vielfach übermäßige Fernsehkonsum ist nur ein Symptom dafür).

Auch die physikalische Dimension der Zeit wurde angesprochen. Die Relativität der Zeit. Zeit kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Das Phänomen der Zeitdilation hat sogar ein unterschiedliches biologische Altern zur Folge (jemand, der sich mit einer Geschwindigkeit ähnlich der des Lichts bewegt, altert viel langsamer als jemand, der nicht mit einer derartigen Geschwindigkeit unterwegs ist). Auch die Frage, ob es überhaupt die Zeit als physikalische Größe gibt, ist aufgetaucht. Vielleicht ist sie nur eine Erfindung des Menschen?

Schließlich sind der Mayakalender und 2012 noch einmal genannt worden; das Jahr, das mit verschiedenen Szenarien, auch solchen des Weltuntergangs, in Verbindung gebracht wird. Darauf aufbauend hat sich gegen Ende des Diskussionsabends noch eine weitere Diskussion entwickelt. Weltuntergangsszenarien häufen sich in jüngster Zeit (bereits 2000 wurde alles Mögliche vorausgesagt). Haben diese Weltuntergangsstimmungen vielleicht damit zu tun, dass unsere westlichen Hochkulturen (wenn wir uns mal erlauben, sie so zu bezeichnen) ihren Höhepunkt erreicht haben? Müssen wir uns nun auf einen Abwärtstrend gefasst machen? Kann die Intelligenzia der Menschheit einen eventuellen „Niedergang“ aufhalten oder vermeiden?

All zu düster fielen die Aussichten allerdings nicht aus; wir haben uns jedenfalls die Lust zum Feiern an diesem 31. Dezember 2010 nicht nehmen lassen.